Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Christus=Barabas
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Wandlung des Karabas in Barabas liegt nahe. Die Einzelbeiten der Verspottung finden sich am getreuesten im Matthäusevangelium, also demjenigen, welches in seinem ursprünglichen Text wohl am ältesten und am meisten im judenchristlichen Sinne verfaßt war. Diesem Evangelium ist auch eigentümlich, daß Barabas schattenhaft ist, daß der Vorname Jesus vor Barabas steht, und der Ausspruch „Sein Blut komme über uns", welcher, ursprünglich ein Protest gegen die Verurteilung Christi, später dahin gedeutet wurde, daß die Juden sich ihres Anteils an der Hinrichtung Christi berühmen wollen. In'der anscheinend ältesten Darstellung finden sich also gerade diejenigen Momente, welche die Spuren der Identität von Christus und Barabas noch aufweisen. Die ursprüngliche Darstellung bietet aber auch für die Person des Barabas keinen Raum, da sie judenchristlich war und deshalb den Römern, welche Christus verurteilen, die Juden gegenüberstellt, welche die Freigabe Christi verlangen. Die Bedeutung dieser Beweisführung möchte ich an einem astronomischen Vorgang klar machen. Würde jemand auf Grund bestimmter Berechnungen vermuten, daß zu einer Zeit eine Ablenkung von Gestirnen durch einen Kometen stattgefunden habe, so würde diese Vermutung zweifellos zu einer Gewißheit, falls der Komet sich in einer Photographie oder Zeichnung des Sternenhimmels aus der betreffenden Zeit Nachweisen ließe. Analog ist es mir ergangen. Ausgegangen bin ich davon, daß eine ursprünglich judenchristliche Darstellung den Barabas nicht gekannt haben kann, daß dieser erst durch eine Redaktion im heidenchristlichen Sinne in die Evangelien hineingekommen ist. — Und nachdem ich von der Formel ausging: Jesus—Barabas, fand ich in der ursprünglichen Darstellung den Jesus—Barabas neben vielen anderen Beweisen. Man wird zugeben müssen, wenn dies kein zwingender Beweis ist, so steht es einem solchen mindestens sehr nahe. Wie sich die Umwandlung der Erzählung im einzelnen vollzogen haben mag, ist natürlich hier nicht nachzuweisen. Man braucht nicht einmal überall an absichtliche Aenderungen zu denken. Ich halte es z. B. für höchst wahr-