Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Christus=Barabas
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
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70 innerlich unwahrscheinlich, weil Pilatus damit die Ungerechtigkeit seines Urteilsspruches offen dokumentiert hätte^). Wichtiger für uns ist, daß die gemeinsamen Züge in den Schilderungen des Saturnalien-Königs und in den Berichten der Evangelien und des Philo uns nun erst verständlich werden. Der jüdische König Agrippa und der jüdische König Jesus erscheint, der eine den Alexandrinern, der eine den Legionären, gleich lächerlich. Darum fordern sie zum Vergleich mit dem allbekannten Karnevalskönige heraus und wecken die gewiß angenehme Erinnerung an das beliebte Volks- und Soldatenfest. Zum Schluß noch ein Wort über Lukas. Er berichtet unsere Szene nicht. Mir scheint aber, als wenn 23, 11 nur ein Nachklang dieser Szene und darum historisch nicht zu verwerten ist. Denn so verständlich das Motiv der Maskerade bei den Soldaten war, so unglaublich scheint es, daß Herodes seiner Würde so vergessen, haben sollte, daß er sich zu solchen Streichen hergab. Wie Wendlands Ausführungen ergeben, ist die Darstellung im Matthäusevangelium am ausführlichsten, bei Markus fehlt ein Moment der Erzählung (daß man Christus ein Rohr in die Hand gibt). Bei Lukas fehlt die Erzählung ganz. Der Vorgang ist hier umgekehrt wie bei der Person des Barabas, die im Matthäusevangelium nur ein Name, in den anderen mehr und mehr eine konkrete Persönlichkeit wird. Es heißt von ihm: Matth._ 27, 16. „Einer sonderlich vor anderen, der hieß Barabas." Markus 15, 17: „Barabas, gefangen mit den Aufrührerischen, die einen Mord begangen hatten." Lukas 23, 19: „Welcher war um eines Aufruhrs, so in der Stadt geschehen war, und um eines Mordes willen ins Gefängnis geworfen." Johannes 18, 40: „Barabas aber war ein Mörder." Deutlich geht daraus hervor, daß gerade im Matthäusevangelium von Barabas nichts weiter bekannt ist, als daß er ein Gefangener des Pilatus sein soll, eine Tatsache, die *) Wie frei Johannes seinen Stoff angeordnet und erweitert hat, geht besonders aus Spittas Untersuchungen: „Zur Geschichte und Literatur des Urchristentums I" hervor; nur daß sich die Anstöße durch mechanische Umstellungen doch nicht beseitigen lassen.