Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Christus=Barabas
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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69 verfolgung des Jahres 38 n. Chr. in Alexandria. König Agrippa I. war auf seiner Reise von Rom nach Palästina nach Alexandria gekommen. Seine Ankunft war dem judenfeindlichen Pöbel der Stadt ein Aergernis. An Witzworten und Spottversen auf den jüdischen König fehlte es nicht. Auch durch eine Pantomime machte man ihn lächerlich. Einem unschädlichen Narren, namens Karabas, der das allgemeine Gespött der Jugend war, setzte man ein aus einer Papyrosstaude gefertigtes Diadem auf, hing ihm eine Decke statt der Chlämys (des Amtsgewandes) um, gab ihm statt des Szepters das Stück einer Papyrosstaude in die Hand. Eine Leibwache von Jünglingen trat ihm zur Seite, andere nahten sich ihm, um ihn zu begrüßen oder einen Rechtsspruch von ihm zu fordern oder Audienz über öffentliche Angelegenheiten zu erhalten. Ueberall lautes Geschrei derer, die ihn auf syrisch Muqlv Herr, anredeten. Die Maskierung des fingierten ßocac'Aevg*) und die feierliche Huldigung stimmen völlig überein. Die Schilderung bei Philo ist farbenreicher und natürlich werden die durch ihre Spottsucht berüchtigten Alexandriner mehr Witz gezeigt haben als die römischen Legionäre. Aber die Tatsache, daß es das eine Mal galt, den wirklichen jüdischen König, das andere Mal den vermeintlichen und eben wegen seiner vermeintlichen Ansprüche zum Tode verurteilten zu verhöhnen, erklärt doch nicht genügend die Uebereinstimmung in der Idee und in der Ausführung der Maskerade. Man begreift sie erst, wenn man in den beiden Vorgängen die Nachbildung eines beim Feste der Saturnalien üblichen Brauches erkennt .... Aber eine genauere Kenntnis der Art dieser militärischen Feier verdanken wir erst den jüngst von Fr. Cumont veröffentlichten Märtyrerakten des heiligen Dasius, die auch aus bisher wenig beachtete Berichte ein ganz neues Licht geworfen haben .... Wenn die römischen Legionäre Christus zu einem Saturnalien - Könige ausstaffierten, so lag ihnen jedenfalls auch der Gedanke nahe, daß er das Schicksal dieses Königs teilte; denn nach der Maskerade wird er sofort zur Kreuzigung abgeführt. Diese Auffassung der römischen Soldaten ist wichtig; denn sie bestätigt, was Matthäus und Markus ausdrücklich berichten, daß die Verurteilung erfolgt war. Der Rettungsversuch des Pilatus, den Johannes 19, 7—12 auf die Geißelung und Verspottung folgen läßt, ist also historisch unmöglich und auch *) Auch der nur bei Matthäus erwähnte Zug, daß man Jesus ein Rohr in die Rechte gab, findet sich in Philos Schilderung wieder und paßt in die Pantomime.