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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 67

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Christus=Barabas
Date
1905-01-01
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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67 einem angeblichen Brauch berichtet, nach welchem Pilatus den Juden zum Feste einen Gefangenen freizugeben pflegte. Es handelt sich also hier um ein Begnadigungsrecht des jüdischen Volkes, zu dessen Ausübung es vor den Palast zieht, während nach der ursprünglichen Darstellung das Verlangen der Freigabe Christi als Aufruhr zu denken wäre. Während die Juden den Barabas freihaben wollen, sucht Pilatus Christus zu retten. Wie in meinem Artikel über das Evangelienwort: „Sein Blut komme über uns" im Anschluß an Ludwig Philippson, David Friedr. Strauß k. eingehend dargelegt wurde, ist der in den Evangelien berichtete Versuch des Pilatus, Jesus zu retten, weder mit dessen als rauh und hart geschichtlich bekanntem Charakter in Einklang zu bringen, noch psychologisch irgendwie wahrscheinlich. Im Einzelnen kann ich hier die „Unstimmigkeiten", welche durch die Pilatusepisode in die Erzählung der Evangelien gekommen sind, nicht nochmals aufführen, ich verweise auf den erwähnten Artikel; hervorheben möchte ich hier, daß schon den Redakteuren der Evangelien wegen der Pilatus-Episode Bedenken gekommen sein müssen, wie aus den Worten hervorgeht: „Denn er hatte die Gewohnheit, ihnen einen frei zu geben zum Feste". — Diese Worte gelten als später eingefügt, sie zeigen deutlich, daß die erzählten Ereignisse an sich nicht als genügend motiviert empfunden wurden und einer Erklärung bedurften. Die gegebene Erklärung ist stilistisch auffällig*), sie hat übrigens weder eine geschichtliche Grundlage, noch harmoniert sie psychologisch mit der Darstellung der Evangelien. Historisch ist die Ehrung des jüdischen Osterfestes, welche in dem behaupteten Gebrauch läge, nicht bekannt. Sie wäre höchst unwahrscheinlich und gerade auch von dem harten Pilatus nicht zu erwarten. Der Vorgang selbst aber, wie er in den Evangelien erzählt wird, paßt zu einem derartigen Brauch in keiner Weise. Daß das Volk vor den Palast zieht, um die Freigabe eines Gefangenen im Wege des Aufruhrs zu fordern, ist verständlich, *) Der Redakteur nimmt jedenfalls an, daß seinen Lesern von diesem Brauch nichts bekannt ist, er steht hier reflektierend über seinem Stoff. Die Stelle harmoniert nicht mit der naiven Grundstimmung der Evangelien. 5*

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