Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Christus=Barabas
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Tacitus gilt als verdächtig und gibt übrigens nur Auffassungen in Rom lebender Personen wieder. Es verbleiben somit nur die Evangelien. Diese sind aber nicht als eine Geschichtsquelle zu betrachten, sondern sind Erbauungsschriften. Man darf daher nicht hoffen, bei der Durchforschung der Evangelien die geschichtlichen Tatsachen zu ergründen und muß sich mit literarischer Kritik begnügen. Man kann allenfalls Nachweisen, wie der Text der Evangelien gelautet haben und verändert worden sein mag, keinesfalls aber hoffen, die Tatsachen wahrheitsgetreu zu ermitteln, welche den Erzählungen der Evangelien zugrunde gelegen haben mögen. Es sind in der Redaktion der Evangelien zwei Epochen zu unterscheiden. Auf eine Darstellung im jüdischen Sinne folgt eine andere, welche den Anteil der Römer an der Verurteilung und Hinrichtung Christi möglichst zu verdunkeln sucht und dafür die Mitschuld der Juden möglichst betont. Da indessen in den Evangelien die Reste der alten Darstellung vielfach nicht getilgt sind, ergeben über den Prozeß Christi die Evangelien viele Widersprüche und ein gänzlich unklares Bild. Wir wollen versuchen uns psychologisch vorzustellen, wie die Darstellung zunächst gelautet haben mag und welchen Veränderungen sie später vermutlich unterworfen wurde. Nach der jüdischen Darstellung wurde Christus, möglicherweise auf Denunziation von Sadducäern, denen man als Freunden der Fremden moralisch etwas auswischen wollte, von Pilatus zum Tode verurteilt. Das Volk zieht vor den Palast des Pilatus und verlangt die Freigabe Christi, kann solche gegenüber den römischen Soldaten aber nicht durchsetzen, und Christus wird gekreuzigt, wobei durch die Inschrift: IM8.I (Jesus Nazarenus B,ex Judaeorum) die Juden, welche in Christus den Messias und König der Juden erblicken, verhöhnt werden sollen. Die spätere Darstellung, welche in römerfreundlichem Sinne die Evangelien zu verbessern suchte, hat an Stelle des einen Christus zwei Personen, nämlich Christus und Barabas. Barabas ist derjenige, dessen Befteiung die Juden verlangen, während Pilatus Christus vor der Hinrichtung zu schützen sucht. Um diese Darstellung möglich zu machen, wird von