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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 63

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Hillel und seine Zeit
Date
1905-01-01
Page
Seite 63 (sequence 12)
Language
German
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63 den Herzen. Dann gedenke man der Worte des Jesajas: Gott wohnt in den Höhen und in den Herzen der Gebeugten, um sie wieder aufzurichten und ihnen in der Vergebung ihres Fehls den verlorenen Frieden wiederzugeben (Jes. 57). Gott ist in uns, und wir finden ihn zu jeder Zeit, ohne Tempel, ohne Priester, ohne jede Vermittlung und mit ihm unsere sittliche Stärke, unsere Freude und alle Seligkeit, deren wir fähig sind, wenn wir ihn iu uns selbst suchen: Jesu Lehre, welche die modernen christlichen Theologen so viel als möglich vom alttestamentlichen Untergründe ablösen möchten, war durch tausendfache Fäden mit dem Judentums verknüpft. Zahlreiche Judenchristen des ersten nachchristlichen Zeitalters beobachteten sicher noch das jüdische Gesetz. Diese Fäden wurden vollständig zerrissen durch den Apostel Paulus, nach dessen Lehre, durch die er dem Christentume eine neue feste Grundlage gegeben hat, durch den Tod Jesus die vollkommene Erlösung der Menschheit stattgefunden hat, indem durch ihn die Erbsünde getilgt und eine neue Quelle der Rechtfertigung der Menschheit vor Gott erschlossen wurde, welche „die jüdische Gesetzesgerechtigkeit" überflüssig machte. Paulus wurde der Apostel der Heiden, die er nur dadurch gewinnen konnte, daß er die für sie drückenden Fesseln des jüdischen Gesetzes löste. Als der Pharisäer Saulus bekämpfte er das Christentum aufs heftigste, nach seiner Bekehrung verteidigte er es aufs eifrigste, aber er verleugnete auch als Apostel in der scharfsinnigen Dialektik dieser Verteidigung und in der dabei angewandten aggadischen Auslegung der Bibel in formaler Beziehung die pharisäische Schulung nicht. Er eiferte aber nur gegen das Judentum, nicht gegen die Juden. „Diesen," sagte er, „bin ich wie ein Jude geworden, um sie zu gewinnen" (I. Kor. 9, 20). Das ist ein schönes Wort, wenn es nicht der Bekehrungssucht als Mittel dient. Schöner ist das Wort eines andern Apostels, dessen Evangelium der echten^religiösen Duldung „Nathan der Weise" heißt. Lessing läßt in dieser herrlichen Dichtung den Klosterbruder zu Nathan sprechen: „Ist denn nicht das ganze Christentum aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft geärgert, hat mir Tränen g'nug gekostet, wenn Christen gar so oft vergessen konnten, daß unser Herr ja selbst ein Jude war."

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