Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Hillel und seine Zeit
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 11)
- Language
- German
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62 und der Liebe gegen einander, in der alle nationalen Schranken fallen und alle Menschen einen einzigen Bruderbund bilden werden, heißt im Judentume das Reich des „Allmächtigen", das „Reich Gottes auf Erden" oder das „Himmelreich" zum Unterschiede von der jenseitigen Welt. Unter dem schweren, fast unerträglichen Drucke der römischen Herrschaft kurz nach dem Beginn unserer Zeitrechnung lebte im Judentume die messianische Hoffnung in dieser oder jener Gestalt stärker denn je auf. Alle Gemüter waren verzagt, alle Augen richteten sich von dieser jammervollen Erde weg gen Himmel, alle erwarteten, daß Gott sie wie in der Zeit der Makkabäer erlösen werde.- Damals hatte Daniel in seiner Apokalypse die Wiederaufrichtung des Gottesstaates durch den Messias geweissagt, der, ein Menschenfohn in die Wolken des Himmels gehüllt, auf Erden erscheinen und die Herrschaft des Geistes über alle Menschen ausüben werde. Zweihundert Jahre später hat Johannes der Täufer, der asketische Essäer, der sich, wie einst der Prophet Elia, für den er auch später gehalten wurde, mit einem rauhen Gewände aus Kameelhaaren kleidete und nur von Heuschrecken und wildem Honig nährte, gepredigt: „Tuet Buße, denn das Himmelreich ist nahe". Johannes galt als Elia und damit nls Vorläufer des Messias. Nach seiner Begegnung mit ihm fühlte sich Jesus als diesen Messias, den Menschensohn der Daniel'schen Weissagung, verkündete, daß das Himmelreich schon gekommen sei, und entwarf in der Bergpredigt dessen Programm. Das Himmelreich ist bei Jesus bald diesseitig, die irdische Welt, aus der alle Schlechtigkeit geschwunden ist und nur das Gute herrscht. Dann weicht es ja von dem Jesajanischen Jdealbilde der Zukunft der Menschheit nicht wesentlich ab. Bald ist es jenseitig der Himmel, in dem alle der Seligkeit Teilhaftigen sich nach dem ihnen gebührenden Range um den Thron Gottes scharen. Dann stimmt es ja mit der Schilderung desselben in der Aggada überein (Bamidbar Rabba 21). Da wie dort ist das Paradies der Sitz der Frommen, mit seinen Wonnen, und die Hölle, der Sitz der Bösen, mit seinen nie endenden Qualen. Bald ist es mitten unter uns, wie Jesu sagt, das heißt, die stille, mächtige Gotteskrast in