Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Hillel und seine Zeit
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 10)
- Language
- German
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61 ordnung, die ja in Palästina mit der ersteren zusammenfiel. Jesus, und das ist das Neue seiner Lehre, achtete diese Notwendigkeit nicht, sondern hob das Gesetz, wenn er auch in denselben Worten, deren sich die Pharisäer bedienten (Schemoth Rabba 27) beteuerte, daß nicht ein Strichelchen desselben je vergehen wird, doch tatsächlich auf und sah dessen Erfüllung in der vollen Betätigung der Sittlichkeit. Die Kirche, die er gestiftet, hat später doch ihre Lehre und ihren Cultus in feste Formen und Gesetze gefaßt, und auch der christliche Staatbaute sich nicht auf dem idealen Boden der Bruderliebe^ sondern dem realen ganz bestimmter Gesetze auf. Jesus wäre durch seine Lehre, die ein starker Nachhalb der Propheten war, daß der Schwerpunkt der Religion in praktischer Beziehung in der Moral liegt, vielleicht ein Reformator des Judentums nach seiner ethischen Seite geworden^ wie es Hillel nach seiner gesetzlich casuistischen gewesen ist. Was ihn über die Sphäre der natürlichen, geschichtlichen Entwickelung des Judentums hinausgehoben und zum völligen Bruch mit demselben geführt hat, betrifft sein besonderes Verhältnis zu Gott. Er fühlte sich nach der Taufe durch den Essäer Johannes der Täufer fortan als den Sohn Gottes, wenn er auch nach der modernen Kritik sich nicht dieser Bezeichnung ganz in dem Sinne, in dem sie ihm die Evangelien in den Mund legten, bedient hat. Die Menschwerdung Gottes in Jesu, die von dem, was die Bibel nach unserer israelitischen Auffassung über Gott lehrt, so weit absteht, ist nach dem christlichen Dogma ein Mysterium. Neben der erwähnten Bezeichnung, wurde Jesus auch als Messias, das heißt der Gesalbte und darnach später allgemein in der griechischen Form Christus bezeichnet. Der Messiasgedanke war im Judentume nicht dogmatisch sestgestellt. Er trat bald in nationaler, bald in allgemein menschlicher, bald in der einen und der andern Auffassung zugleich auf. Derselbe Prophet Jesajas, der die zukünftige Herrlichkeit Israels unter der weisen Regierung eines Sprossen aus dem Hause Davids schaute (11), entwarf das Zukunftsbild der ganzen Menschheit, die einmütig Gott den Allvater verehren und im ewigen Frieden glücklich leben werde (2). Diese Zeit der geläuterten religiösen und sittlichen Erkenntnis, der Wahrheit