Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Hillel und seine Zeit
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 9)
- Language
- German
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60 nicht ehebrechen. In Wahrheit hat der Mann, der begehrlich den kleinen Finger eines Weibes ansieht, schon die Ehe im Herzen gebrochen" (Berach. 24). „Wenn sich deine Hand zur Sünde regt, haue sie ab" (Nidda 13). „Ihr sollt nicht leichtfertig schwören, euer Ja und Nein sei rechtlich" (Baba Mezia 49). „Wer andere richtet, wird selbst gerichtet" (Kidduschin 70). „Ziehe erst den Balken aus deinem eigenen Auge" (Baba Batra 15). „Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiliget werde Dein Name, Dein Reich komme. Dein Wille geschehe im Himmel und dein Friede walte auf Erden. Gieb uns unser täglich Brod.. Bergieb uns unsere Sünden, führe uns nicht in Versuchung und erlöse uns vom Nebel" (Joma 8, 9. Cz. 26, 23. Sanhedrin 28. Berach. 16, 29, 60). Diese Blumenlese stammt aber nicht aus der Bergpredigt, mit der sie fast wörtlich übereinstimmt, sondern aus der Bibel und dem Talmud, dessen religiös-sittlichen Gedanken von denen des vorchristlichen Judentums nicht wesentlich abweichen. Man kann danach den Zusammenhang des Urchristentums mit dem Judentum ermessen. Was hat Jesu Neues gelehrt? Er hat, sagt Harnack, Gott den Vater, den Adel der menschlichen, die bessere Gerechtigkeit und das Gebot der Liebe gelehrt (33). Das ist viel, sehr viel, aber das haben lange vor ihm die Propheten in tausendfalbem Echo verkündet, die in ihrer Universalität in den Herzen aller Menschen den Glauben an Gott den Vater zu erwecken sich bemühten, oft genug gegen Werkheiligkeit eiferten und das Wesen der Religion in der reinen, lautern Gesinnung und dem sittlichen gottgefälligen Wandel suchten. Man denke doch nur an den Ausspruch Micha's: Gott hat kein Gefallen an btn Opfern. Es ist dir gesagt worden, o Mensch, was gut ist und was der Herr von dir verlangt. Recht tun, Liebe üben und in Demut wandeln vor Deinem Gotte" (Micha 6, 4—8). Die Propheten predigten den reinen Glauben und die echte Sittlichkeit, die sie höher anschlugen wie die äußere religiöse Form, aber sie rüttelten an derselben nicht, sondern hielten sie wie das biblische Gesetz für unentbehrlich sowohl für die religiöse Gemeinschaft als die bürgerliche Gesellschafts-