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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 59

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Hillel und seine Zeit
Date
1905-01-01
Page
Seite 59 (sequence 8)
Language
German
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59 wie die Schriftgelehrten gepredigt" (Matt. 4, 9). Das findet in der Form seiner Reden und in der Beschaffenheit seiner Zuhörer seine Erklärung. Hillel zum Beispiele hat sich auf den Kreis seiner Schüler beschränkt, denen er vor allem das Gesetz erklärte, seine ethischen Lehren aber nur sporadisch in dem knappen Gepräge von Sentenzen vorgetragen. Letztere hat er ab und zu in Gesprächen mit Heiden ein wenig ausführlicher behandelt. Vor religiös unwissenden Menschen hat er eine förmliche Scheu gehabt. Er sprach ihnen die Fähigkeit wahrer Frömmigkeit ab (Aboth 2, 6). Diesen fragmentarischen Charakter hatte die Sittenlehre bei den meisten Pharisäern, welche sie in ihrer ganzen Tiefe erfaßten, aber deren Goldbarren, die in der Bibel ruhen, nicht in Münzen schlugen, die unter dem Volke kursieren. Jesus von Nazareth, der die pharisäische Lehre in ihrer strengen kasuistischen Ausgestaltung nur unvollständig kannte, in der Bibel aber lebte und webte, trug deren religiöse und ethische Gedanken den in der Kenntnis derselben rückständigen Galiläern (Erubin 53a) vor, welche sie wie eine neue Offenbarung aufnahmen. Seine Reden haben durch die schönen volkstümlichen Gleichnisse, deren er sich in aggadischer, das heißt der sieien, erbaulichen Auslegung der Bibel bediente, sowie durch den Enthusiasmus seiner Ueberzeugung und die anziehende Sanftmut seiner Persönlichkeit die Zuhörer hingerissen und bezaubert. Das vielbewunderte Meisterwerk seiner zündenden Beredsamkeit ist die Bergpredigt, die in ihrer gegenwärtigen Gestalt nach der modernen Kritik eine spätere, freie Komposition des Verfassers des Evangeliums Mattäi ist (5—7). Ich will nur eine kleine Blumenlese aus derselben mitteilen. „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen" (Ps. 34, 11). „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit bei Gott finden" (Sabbat 151). Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden den Berg des Herrn besteigen" (Ps. 24, 4). „Ihr seid das Licht der Völker" (Jes. 42, 6). Das göttliche Gebot lautet: Du sollst nicht tödten. In Wahrheit wird es demjenigen, der seinen Nebenmenschen öffentlich beschämt, angerechnet, als hätte er dessen Blut vergossen (B. Mezia 58). Du sollst

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