Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Hillel und seine Zeit
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 7)
- Language
- German
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58 beseelt. Er machte sich daher keine Sorgen darüber, woher er am nächsten Tage Brod nehmen werde. „Gott," sagte er mit den Psalmisten, „sorgt jeden Tag sür uns" (Beza 16 a). Jesus ermahnt seine Zuhörer, sich der Sorgen um das tägliche Brod zu entschlagen und Gott zu vertrauen, der die Vögel des Himmels nährt, die nicht säen und nicht ernten und nicht in Scheunen sammeln und die Lilien des Feldes kleidet, die nicht arbeiten und nicht spinnen (Matt. 6, 25—80). Dieses Bild ay& dem Leben in der Natur, in dem die starre Notwendigkeit waltet, ist nicht gerade glücklich. Der Mensch bestimmt und betätigt sich bei all seiner Natürlichkeit und all seinem Gottvertrauen selbst in Bezug auf seine physische Erhaltung und intellektuelle Veredelung. Die Pflicht dieser Selbstbetätigung, eine der wichtigsten der Ethik, drückt Hillel in den Worten aus: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist denn für mich" (Aboth 1, 14). Zum Schlüsse der Parallelen nur noch eine Stelle: Hillel warnt davor, sich durch den Erwerb vieler irdischer Güter, die man vor diebischen Dienern schützen muß, allzugroße Sorge aufzubürden und sich zu viel mit Weibern einzulasfen, die Einen nur behexen, und empfiehlt den Erwerb jener Tugenden, die uns den Weg zum ewigen Leben bahnen (das. 2, 8). Nichts anderes sagt Jesus: „Sammelt nicht Schätze auf Erden, wo Rost und Motten zehren und Diebe nachgraben und stehlen, sondern sammelt Schätze im Himmel" (Matt. 6, 19—20). Warum hat aber Jesus, wenn wir mit der modernen Kritik an seiner Göttlichkeit zweifeln, mit der Weisheit, die er nur aus dem Judentume geschöpft hat, da er doch nur dieses allein gekannt hat, größern Gndruck gemacht und weitere Volkskreise ergriffen, wie dessen berufenster Lehrer Hillel? Die Beantwortung dieser Frage soll mich nicht dazu führen, zu erzählen, wie das Christentum entstanden ist, das, aus verschiedenen Quellen entsprungen, die wir nicht überall mit voller Bestimmtheit erkennen, allmälig zum mächtigen weltumfassenden Geistesstrome sich herausgebildet hat. Ich will nur, um an einigen Beispielen den Einfluß des Judentums auf das Christentum zu zeigen, im engen Rahmen meines Themas in wenigen Strichen die Lehrweise Jesu schildern. Derselbe hat, wie es in den Evangelien heißt, „gewaltig, nicht