Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Hillel und seine Zeit
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111082-3113590--2045-3113672- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
57 sagte daher allgemein: „Sei von den Schülern Ahrons, liebe den Frieden, strebe nach ihm, liebe die Menschen und leite sie zur Gotteslehre hin" (Aboth 1, 12). Dieser Hinweis auf Ahron ist charakteristisch. Mose repräsentiert im Judentume das Gesetz, das er vermittelt, und den Glauben an Gott, den liebenden Vater aller Menschen, den er gelehrt hat, Ahron aber die in diesem Glauben wurzelnde Menschenliebe (Sanhedrin 8). So hat Hillel in der ihm eigenen Kürze in wenigen Worten alles das ausgedrückt, was Jesus (Markus u. n. A.) weiter ausgeführt hat. Hillel umschrieb die Nächstenliebe in folgendem Satze: Als ihm einst ein Heide das Verlangen vortrug, das Judentum anzunehmen, wenn ihm dessen Gehalt beigebracht würde, so lange er auf einem Fuße stehe, antwortete er ihm: „Was dir unlieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist das ganze Gesetz und alles andere der Kommentar dazu, gehe hin und lerne dies" (Sabbat 31). Jesus führte denselben Satz in positiver Fassung an (Matt. 4,12; Luc. 6, 31). Die negative Fassung hat sich in dem alten Reimspruch erhalten: „Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem andern zu." Der angeführte Satz, in dem etwas von dem Kant'schen kategorischen Imperativ steckt, trifft den Springquell der Moral, der in unserer Brust liegt, in dem Gewissen, das in unserer leiblichen Natur nicht begründet ist, sondern die Kundgebung einer höhern geistigen Macht ist, die es in dieselbe gepflanzt hat, in dem Bewußtsein des Sittengesetzes, in dem wir uns eins wissen mit der gesamten Menschheit, in der derselbe göttliche Geist lebt, oder wie die biblische Schöpfungsgeschichte darstellt, eine vollkommene Einheit bildet. Der Gedanke dieser Einheit, der im Monotheismus wurzelt und die Voraussetzung des Hillel'schen Ausspruches ist, schließt die Selbstsucht aus und erweckt die Demut. Hillel, der sie in seiner Person verkörperte (Sabbat30b) sagte daher: „Wenn ich nur für mich bin, was bin ich" (Aboth 1, 14). „Meine Erniedrigung ward meine Erhebung, aber meine Erhebung wäre meine Erniedrigung" (Wajikra Rabba 1). Glaubt man nicht Jesus zu hören? „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht, wer sich aber selbst erhöht, wird erniedrigt werden" (Matt. 23, 12). Hillel war einerseits bedürfnislos und andererseits von dem festesten Gottvertrauen