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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 56

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Hillel und seine Zeit
Date
1905-01-01
Page
Seite 56 (sequence 5)
Language
German
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56 fuße?" Hillel kam nicht außer Fassung, sondern erschien jedesmal an der Türe seines Hauses, sprach mit aller Seelenruhe: „Mein Sohn, was willst du?" Die einzelnen Fragen beantwortete er, so gut er konnte, die erste damit, daß die babylonischen Mütter in der Pflege der Neugeborenen ungeschickt sind, die zweite und dritte damit, daß die Palmyrener in Sandsteppen und die Afrikaner in morastigen Gegenden wohnen. Der Polterer zog beschämt von dannen. Hillel verstand es, auch in religiösen Controversen seiner Ueberzeugung durch die konziliante Form, in der er sie vortrug, zum Siege zu verhelfen (Jer. Pessachim 6, 1). In seiner Friedensliebe ging er.mitunter zur Vermeidung eines nutzlosen Streites über die Wahrheit (Beza 20) und in seinem Wohltun über seine materiellen Mittel hinaus (Ketuboth 67). Seinen Schülern war er der sanftmütigste Lehrer (Aboth 2,6). Täglich verabschiedete er sich von ihnen mit den Worten: „Nun muß ich nach Hause eilen, um meinen Gast zu bewirten." Die Schüler kannten doch seine Dürftigkeit, die ihm nicht erlaubte, eine so ausgedehnte Gastfreundschaft zu üben. Sie fragten ihn eines Tages, wer denn dieser Gast sei, und erhielten die Antwort: „Dieser Gast ist unsere Seele, die heute in uns ist und morgen vielleicht uns schon verläßt" (Wajikra Rabba 24). Das war also der Gast, dem er in seinem Lehrberufe seine ganze Kraft geweiht, den er über alles irdische Gut gestellt, mit dem er in seiner Not so gerne Zwiesprache gehalten, aus der er seinen vollen Frieden geschöpft hat. So redete der bedeutendste Repräsentantder Pharisäer, die „dem Volke die Seele mordeten." Hillels Aphorismen, von denen wir nur einige hervorheben, sind herrliche Aussprüche der jüdischen Moral, die der christlichen in keiner Weise nachsteht. Ihr oberster Grundsatz ist nach R. Akiba der biblische Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (3. M. 19, 18 Sifra z. St.). Jesus citirt diesen Satz an einer Stelle (Markus 12, 31) wörtlich, an einer anderen (Matt. 5, 43) aber mit dem unbegreiflichen und daher verdächtigen Zusatze: ,-und hasse deinen Feind". Der „Nächste", von dem die Bibel redet, ist, wie aus anderen Stellen hervorgeht, der Nebenmensch überhaupt ohne jeden Unterschied (3. M. 19, 13; 5. M. 24, 14, 10, 19). Hillel

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