Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Hillel und seine Zeit
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 4)
- Language
- German
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55 unvorhergesehene Fälle sieben Regeln der Interpretation formulirt (Abot d. R. Nathan 24), wie sie zum Teile jetzt noch der Jurist in strittigen Entscheidungen anwendet. Dadurch legte er den Grund zu einer gesunden, vernünftigen Fortentwickelung der mündlichen Lehre, deren Notwendigkeit er einem Heiden, der Jude werden, sich aber nur zum Glauben an die Bibel verpflichten wollte, in folgender Weise beibrachte: Er unterrichtete ihn und lehrte ihn das hebräische Alphabet am ersten Tage in seiner gewöhnlichen, am folgenden aber in umgekehrter Reihenfolge. Als der Heide sein Befremden darüber äußerte, sagte er zu ihm: -,Wenn du dich hierin auf mich verlässest, warum willst du dich nicht auf die Tradition verlassen?" (Sabbat 31.) Letztere war bisher mehr Gedächtnissache. Hillel führte sie auf Prinzipien zurück und erhob sie zur Höhe der logischen Erkenntnis, die der Lebensnerv des Judentums ist, das, wie wir im Talmud sehen, selbst in minutiösen zeremoniellen Dingen auf die eingehendste Erforschung des Gegenstandes dringt. Hillel hat diesen charakteristischen Geist des Judentums geweckt und gezündet. Darin liegt seine Bedeutung. Das Judentum enthält aber nicht bloß das trockene, starre Gesetz, sondern auch alles das, was die wahre Religion bietet, die das Gemüt in seiner tiefften Tiefe ergreift, aus der die zartesten, weichsten, edelsten Empfindungen, die duftigen Blumen im Zaubergarten der Poesie des dürren Menschenlebens hervorsprossen. Hillel, der Pharisäer, war nicht nur der Mann des scharfen, nüchternen Verstandes, sondern auch des warmfühlenden Herzens, voller Milde, Sanftmut, Demut und der ihm sprichwörtlich nachgerühmten Geduld, mit der er das eigene Leid ertrug und gegen die Schwächen anderer Nachsicht übte. Einst, so wird erzählt (das.), wetteten zwei Männer um 400 Sus (260 Mk.), ob Hillel in Zorn geraten könne. Einer dieser Männer eilte zu Hillel, der, es war Freitag Nachmittag, gerade mit der Vorbereitung für den Sabbat beschäftigt war, rief ihn dreimal nach einander in der ungebührlichsten, polternden Weise aus seiner Wohnung heraus und richtete an ihn alberne Fragen, um ihn zu reizen. „Warum," fragte er, „haben die Babylonier kugelrunde Köpfe? warum die Palmyrener Schlitzaugen und die Afrikaner Platt-