Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 30)
- Language
- German
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45 Einen Uebergang von der Ethik zur Homiletik macht ein Werk, welches trotz seines ausgeprägten Parteistandpunktes doch in allen Kreisen viele Leser finden wird, nämlich der zweite Band seiner gesammelten Schriften von Samson Raphael Hirsch. Es sind Betrachtungen zum jüdischen Kalenderjahr, eine Einleitung in die Welt des Jesaias und einige Streitartikel über Fragen aus dem jüdischen Gemeindeleben. S. R. Hirsch war ein streitbarer Mann und ein glänzender Polemiker. Er selbst vergleicht einmal seinen literarischen Kampf mit einem Sturmwind, der ja in der Literatur unentbehrlich sei, aber ohne Sturm gäbe es keine Reinigung in der Atmosphäre. Auch selbst da, wo man dem überzeugungstreuen Manne nicht folgen kann, wird man ihn gern hören und lesen, weil man die Ueberzeugung hat, das man einem Manne von felsenfestem religiösen Glauben und ungewöhnlichem genialen Geiste gegenübersteht. Auch die Schrift von S. Mandl über das Wesen des Judentums in homiletischen Essays gehört in diese Reihe. Bon demselben Autorist eine Untersuchung über den Monotheismus als Weltprinzip erschienen. Daran schließen sich die Predigten von F. Coblenz, die durch ihre natürliche Einfachheit und Schlichtheit und ihren Freimut sehr ansprechen; ferner Reden aus dem Nachlaße des unvergeßlichen Nehemias Brüll und eine neue Sammlung der berühmten Siloah-Predigten von Ludwig Philippson, eine höchst willkommene Gabe, die M. Kayserling aus dem handschriftlichen Nachlaß des teuren Mannes herausgegeben hat. Von der Synagoge zur Schule ist im Judentum nur ein kurzer Weg. Erfreulicherweise ist dieser Weg im Berichtsjahre öfter beschritten worden, als vorher. Wir haben eine ganze Reihe trefflicher Schulbücher zu verzeichnen. An ihrer Spitze steht das Lehrbuch für den jüdischen Religionsunterricht von dem gelehrten Heinrich Groß, das sicher bald Eingang in vielen Schulen aller Richtungen finden dürste. Leider kann man dasselbe nicht von der Geschichte der Juden sagen, die L. Loewenstein für den Schulgebrauch verfaßt hat, da sie der Unparteilichkeit entbehrt. An die reifere Jugend dachte wohl M. H. Fried-