Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 29)
- Language
- German
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44 wenden, denn nur aus ihrer inneren Wahrheit heraus können die Überlieferungen des Glaubens erklärt werden. Es verriete kurzsichtige Beschränkcheit oder ein sehr kleinmütiges Vertrauen zu der unerschütterlichen Macht der Wahrheit des Judentums, wenn man befürchten müßte, daß die philosophische Auffassung desselben nicht auf ein tieferes und freieres Verständnis der Religion selbst, der Geschichte und Ueberlieferung in ihrem inneren Zusammenhang vorbereitete, und daß gerade von diesem fortschreitenden Verständnis die segensreichsten Resultate für Bildung und Leben, für die wissenschaftliche Schule und die religiöse Gemeinde zu erhoffen sind. Hermann Cohen hat auf diesem Wege in seinem ausgezeichneten Vortrag über die Errichtung von Lehrstühlen für Ethik an unseren theologischen Lehranstalten, der weit höhere Perspektiven eröffnet als der Titel erwarten läßt, das Weitere treffend auseinandergesetzt. Bis jetzt bewegte sich ja die Forschung hauptsächlich auf geschichtsphilosophischem Gebiete. Die wichtigste Arbeit des Jahres ist die Spinoza- Biographie von I. Freudenthal, in der zum erstenmal in diesem Prozeße auch die Gegenpartei zu ihrem Rechte kommt. Bis jetzt war immer Spinoza allein der Glorifizierte. Freudenthal hat zuerst mit einer Objektivität, wie man sie heute selten findet, die Prozeßakten vorgeführt und sein durchaus unbeeinflußtes Urteil klar und entschieden ausgesprochen. Gegenüber anderen Philosophen hat er auch zuerst die von Joel und anderen dargelegten Einflüsse der jüdischen Religionsphilosophie auf Spinoza für seine Ausführungen verwendet. Sein Buch ist fortan nicht nur eine, sondern die Biographie Spinozas. In eine spätere Periode der jüdischen Religionsphilosophie fällt der Essay von I. Landau, Nachman Krochmal. Einen Schritt auf dem Wege zur Erreichung des oben angedeuteten Zieles bilden schon die erfreulichen Versuche zu guten Textausgaben und Übersetzungen unserer philosophischen Kritiker. Durch A. S. Iahuda werden wir in nächster Zeit den arabischen Text des Chobot Hä-Lebabot vonBachja zum erstenmal erhalten; die bereits erschienenen Prologomena erwecken die besten Hoffnungen. Von demselben Werke hat E. Collins einige Kapitel in englischer Uebersetzüng herausgegeben.