Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 8)
- Language
- German
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23 ein günstiges Geschick ihm beschieden hat, im hohen Wer mit unverminderter geistiger Frische die Schätze zu sammeln, die er während eines langen und arbeitsreichen Lebens sorgsam wie selten einer aufgespeichert hat. Wir haben hier ein Muster und Beispiel vor uns, wie aus mühsamer literarhistorischer Kleinarbeit große orientierende und znsammenfassende Werke von grundlegender Bedeutung erstehen können, wenn nur der Meister da ist, der aus Millionen kleiner Steine ein stattliches Haus aufzubauen im Stande ist. Gehen wir nun von diesen allgemeinen Betrachtungen zu den einzelnen Leistungen auf den verschiedenen Gebieten unserer Wissenschaft über, so haben wir in getreuer Chronistenpflicht vorerst des bedeutsamsten Ereignisses zu gedenken, das auch in diesem wie in dem Vorjahre die Gemüter noch immer lebhaft erregt hat. Es ist dies, wie sich Jeder denken kann, der Bibel-Babel-Streit, der noch immer nicht zur Ruhe kommen kann. Scheinbar war ja allerdings schon im vorigen Jahre ein gewisser Friede zwischen den Parteien hergestellt. Da trat Professor Friedrich Delitzsch wiederum auf den Plan. Er hat das Bedürfnis gefühlt, einen „Rückblick und Ausblick auf Babel und Bibel" zu werfen. Man würde dies Bedürfnis erklärlich gefunden haben, wenn er es in streng wissenschaftlicher Weise befriedigt hätte. Leider hat er auch nicht einmal den geringsten Anlauf dazu gemacht, die jüdischen und christlichen Theologen oder gar die Assyriologen zu widerlegen. Er begnügte sich vielmehr damit, über Forscher wie Oppert, Jensen, Gunkel, König u. a. die Schale seines Zorns auszugießen; er war empört über die Kritiker, die ihm vorwarfen, er habe den Monotheismus Mosis und der Propheten aus Babel hergeleitet, während seine Thesen „von Anfang an" strikt gelautet haben: In Babylon drei Jahrtausende hindurch, seit der Zeit der ältesten Landesbewohner krasser Polytheismus, in der Bibel Monotheismus, der eben die weltgeschichtliche Bedeutung der Bibel ausmacht. Denn die babylonischen Tontafelfunde haben ja nicht gezeigt, daß der Monotheismus der Kinder Israel aus Babylonien stamme.