Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 4)
- Language
- German
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19 nicht für einen deutschen, sondern gar für einen hebräischen Dialekt zu halten. Mit Recht weist Bacher darauf hin, zu welchen Absurditäten diese Definition führen würde. Maimunis „Führer der Irrenden", Jehuda Halevis „Kusari", Bachjas „Herzenspflichten" waren also in ihren Originalen nicht jüdische Literatur. Die Septuaginta, die Bibelübersetzungen Saadias und Mendelssohns, ja noch mehr, die ganze Literatur des jüdischen Hellenismus, die arabischen Schriften der mittelalterlichen Philosophen, die Werke, in denen die moderne Wissenschaft des Judentums begründet und gelehrt wurde, das alles wäre nicht als jüdische Literatur zu betrachten, von den aramäisch geschriebenen Kapiteln der Bibel und von der ganzen Traditionsliteratur in Talmud und Midrasch gar nicht zu reden. Dagegen würde eine hebräische Übersetzung aus Aristoteles oder Kant, aus Shakespeare oder Schiller und ebenso die hebräisch geschriebene Broschüre irgend eines christlichen Missionärs wohl unter den Begriff jüdische Literatur fallen. Der verhängnisvolle Grundirrtüm, welcher diese zu so merkwürdige Konsequenzen führende Definition veranlaßte, liegt eben in dem Umstande, daß man dabei von nationalen Gesichtspunkten ausging. Aber man vergißt, daß für die Juden, wenn sie sich auch als Einheit bis auf den heutigen Tag erhalten haben, die hebräische Sprache durchaus nicht in demselben Sinne nationale Sprache geblieben ist, wie die Sprachen anderer Kulturvölker, die man so gern zur Vergleichung heranzieht. Schon aus dem 13. Jahrhundert, wohl gemerkt aus dem 13. Jahrhundert, citiert Bacher das merkwürdige Wort eines berühmten orientalischen Forschers Tanchum Jeruschalmi, der in der Einleitung zu seinem arabisch geschriebenen hebräischen Wörterbuch ausdrücklich erklärt: „Wir sind eine Nation ohne eigene Sprache." Und nun sollten wir im 20. Jahrhundert plötzlich diese Spracheinheit erhalten haben, gerade in einem Zeitalter, wo, wie alle Kundigen wissen, die Kenntnis dieser Sprache leider immer mehr abnimmt? Nein, Bacher hat Recht! Die jüdische Literatur ist nichts anderes als Literatur der Juden, insoweit in ihr die 2*