Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5664
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
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13 genug aus. Den reichen und gebildeten Juden wurden darin einige Erleichterungen inbezug auf Reisen und Aufenthalt gewährt, aber die traurige Lage der großen Masse des jüdischen Proletariats wird in nichts gebessert. Es ist nichts geschehen, um die bestehenden unhaltbaren Lebensbedingungen von 4V2 Millionen russischer Untertanen wesentlich zu ändern. Eigentlich scheint das Manifest nur dazu bestimmt zu sein, dem Auslande und zumal der Bankwelt Sand in die Augen zu streuen. An Plehwes Stelle ist endlich der Fürst Swiatopolsk- Mirski zum Minister des Innern ernannt worden. Es geht ihm der Ruf eines aufgeklärten und wohlwollenden Mannes voraus. Schon sein Vater hatte sich als Generalgouverneur von Charkow der Juden angenommen und für sie verhältnismäßige Gleichberechtigung gefordert. Der Sohn verkündet allenthalben, daß er kein Feind der Juden sei und sich zumal der im Elende schmachtenden unteren Klassen der Hebräer anzunehmen beabsichtige. Allein es klingt doch verdächtig, wenn der Fürst hinzusetzt: man könne den Juden unmöglich all die gleichen Freiheiten bewilligen wie den Christen — denn sonst würden sie sich durch ihren Fleiß, ihre Nüchternheit und Rührigkeit zu rasch entwickeln auf Kosten des nationalen Elementes. Das war ja stets die Entschuldigung der anscheinend wohlgesinnten Gegner der Judenemanzipation — in Deutschland wie in Rußland. Jgnatiew und Plehwe selber haben im Beginn ihrer ministeriellen Laufbahn nicht anders gesprochen. Und dann, wie viel Macht wird die den. Kaiser umgebende reaktionäre und kirchliche Clique dem neuen Minister belassen, und auf wie lange? Sollte er wirklich freisinnig auftreten wollen, wird seine Herrlichkeit nur kurze Zeit dauern. Wir Juden sind ja Gottlob Optimisten — nur dadurch haben wir die schrecklichen Jahrtausende ertragen können; aber den russischen Zuständen gegenüber hat auch der Optimismus seine Grenzen. Rußlands geborener Gegner auf dem Felde der Politik ist Rumänien, aber in der Feindschaft gegen das israelitische Element ist es jenem ebenbürtig. Die Auswanderung der Juden aus Rumänien nimmt deshalb von Jahr zu Jahr zu; 1902/1903 betrug ihre Zahl nur nach den Vereinigten