Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5664
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 Im Königreich Sachsen hat ein neues Gesetz die Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden zwar nicht verbessert, aber doch gesichert und befestigt. Unsere sächsischen Glaubensgenossen sind mit dem Gesetze zufrieden, und da hat kein anderer hineinzusprechen. Erfreulich ist die unbefangene Gesinnung im Herzogtum Sachsen-Meiningen; in den dortigen Landtag sind nicht weniger als drei Israeliten gewählt worden. Und wo die Bevölkerungen, wie dort und in vielen preußischen Provinzen, Juden derart das höchste Zeichen des Vertrauens und der Achtung geben, sollen unsere Glaubensgenossen nicht die nötige Autorität besitzen, um, geschützt von der eisernen militärischen Disziplin, das Amt als Offizier oder gar nur als Unteroffizier ausüben zu können! Der greise Kaiser von Oesterreich ist anderer Ansicht. Unbekümmert um das Getobe „Allteutscher" und Christlich- Sozialer, befördert er Juden zu den höchsten Stellen seines Heeres. Im vergangenen Jahre ist ein solcher General- Schiffbauingenieur, ein anderer geadelt, Generalmajor der Infanterie geworden. An jüdischen Obersten fehlt es nicht. So teilt nur Deutschland mit Rußland die Ehre, grundsätzlich Juden von dem Offiziersstande auszuschließen. Auch in Frankreich beweisen die Juden hervorragende militärische Befähigung. Ein Jude wurde Divisionsgeneral (gleich unserem Generalleutnant) — der siebente Glaubensgenosse , der seit dem Bestehen der Republik diesen höchsten Rang in dem französischen Heere erlangt hat; denn die Marschallswürde ist abgeschafft. Zahlreiche andere israelitische Offiziere sind gleichfalls befördert worden, bis zum Oberstenrange. Neueste Erfahrungen — in Asien — haben nicht bewiesen, daß die Judenreinheit einem Offizierskorps eine erhöhte kriegerische Tüchtigkeit verleiht. Solche Vorurteilslosigkeit in militärischen Dingen entspricht nur der Gesamthaltung der gegenwärtigen französischen Regierung, die keinen Unterschied unter ihren Staatsbürgern nach deren religiösen Anschauungen kennt und die lediglich eine Feindin bekämpft: die Partei der Unduldsamkeit. Glücklicherweise hat sie bisher allen Jntriguen ihrer listigen und unbedenklichen Gegner zum Trotze ihren Platz behauptet.