Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5664
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Die städtischen Wahlen im vergangenen Frühjahr haben eine neue Niederlage der klerikal - nationalistischen Partei herbeigeführt, die vor allem die Munizipalverwaltung von Paris verloren hat und erleben mußte, daß an Stelle der ihr zugehörigen Stadträte vielfach Juden gewählt wurden. Der Antisemitismus hatte in so hohem Grade das Bewußtsein der Schwäche, daß er meist gar nicht unter eigener Flagge aufzutreten wagte. Das französische Volk hat sich auf sich selber besonnen und ist zu den hochherzigen Grundsätzen der Gleichheit und Vorurteilslosigkeit zurückgekehrt, die es seit mehr als einem Jahrhundert zum Lehrmeister und Vorbild der Nationen gemacht haben. Auch in Algerien ist der Antisemitismus, der noch vor fünf Jahren diese große Kolonie unbedingt beherrschte, gänzlich unterlegen. „Die Wahrheit dringt vor" — dieses herrliche Wort, das inmitten der traurigsten Umstände Emil Zola prophetisch verkündete) ist in vollem Umfange zur Wahrheit geworden, wenigstens in seinem schönen Vaterlande. In dem benachbarten Belgien zeigt die dort herrschende katholische Partei, zu ihrem Ruhme sei es gesagt, den Juden gegenüber Gerechtigkeit und Wohlwollen, in höherem Grade vielleicht als die Radikalen und Sozialisten. Die Zahl der in dem kleinen freien Lande ansässigen Israeliten nimmt unausgesetzt zu. Die Gemeinde in Antwerpen hat sich derartig vergrößert, daß sie einen eigenen, teilweise vom Staate besoldeten Großrabbiner erhalten hat, neben dem Großrabbiner Belgiens, der in Brüssel residiert. Auch in dem anderen niederländischen Staat, in Holland, erfreuen die Juden sich völliger Gleichstellung. Zum zweiten Male ist dort ein Israelit, Asser, Staatsminister geworden, während einer seiner Glaubensgenossen zum Vizepräsidenten des höchsten Gerichtshofes ernannt wurde. Es sind das Stellungen des allergrößten Vertrauens nicht nur auf das Wissen und Können, sondern auch auf den Charakter und das feine Taktgefühl der damit Beehrten. Auch in Italien gelangen fortgesetzt Juden zu den höchsten Würden des Staates. In dem neuen Ministerium, das im vergangenen Herbst gebildet wurde, sitzt wieder ein Jude, Luigi Luzzati, der nunmehr zum fünften Male