Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5664
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Alle diese Einrichtungen sind um so verdienstlicher, als sie mit der Geringfügigkeit unserer materiellen Mittel und mit dem Mangel an Männern zu kämpfen haben, die in einer so kleinen Minderheit, wie die jüdische ist, zugleich die Befähigung, das Interesse und den Opfermut besitzen, ihnen ihre Kraft zu widmen. Aber darin liegt auch eine der segensreichsten Wirkungen solcher Bestrebungen: es werden für das Judentum zahlreiche energische und geistig hervorragende Elemente wieder herangezogen und gewonnen, die sich ihm sonst mehr und mehr entfremdet hätten. Der „Assimilation" wird auf diese Weise die gefährliche Spitze abgebrochen. Freilich, die Schwierigkeiten, die solche Verhältnisse den Schöpfern und Leitern derartiger Veranstaltungen bereiten, sind ungeheuer und können von den Fernerstehenden gar nicht in ihrer Größe abgeschätzt werden. Es ist die beständige Arbeit für Ausbau und Organisierung unserer Gemeinschaft um so nötiger, als bei dem Vorherrschen des konfessionellen und konservativ-agrarischen Geistes in Deutschland und zumal in Preußen wenig Erfreuliches für unsere Glaubensgenossenschast aus der Heimat zur Erscheinung kam. Die preußischen Landtagswahlen im vergangenen Herbst änderten an der bestehenden Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses wenig. Die Konservativen besitzen beinahe die Mehrheit und können mit Hilfe des Zentrums jedenfalls die stärkere Betonung und Förderung des ohnehin schon übermäßigen Konfessionalismus in Verwaltungs- und Bildungsanstalten durchsetzen. Anstatt eines zählen die Antisemiten jetzt zwei Vertreter im Landtage. Dagegen sehen wir dort sechs jüdische Abgeordnete, von denen nur zu hoffen steht, daß sie in Zukunft auch tatkräftig gegen die Verletzung der Rechte ihrer Glaubensgenossenschaft eintreten werden. An Gelegenheit dazu wird es ihnen nicht fehlen; die versassungs- und gesetzwidrige Ausschließung - der Juden aus der Verwaltung sowie von dem Osfiziersstande in Preußen dauert noch fort; jetzt werden sie nicht einmal zu der hohen Würde des Unteroffizierberufes zugelassen. Sowohl im Reichstage, wie wiederholten Eingaben des Zentralvereins gegenüber hat der Kriegsminister erklärt, daß weder gesetzliche noch Verwaltungsbestimmungen vorhanden wären, die den