Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ruth
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 16)
- Language
- German
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262 Boas: All was Du sagst, mein Kind, ist so gerecht Und so verständig, daß mit Freuden ich Den klugen Worten lausche; sei gewiß. Daß die bescheidne Bitte ich erfülle. Wohl sprachst Du wahr, daß ich der Erbe bin. Doch Einer noch ist näher Euch als ich, Rüben, der Eli-Melech's Schwestersohn. Er blüht in frischer Jugend und mein Haupt Hat manchen Winter's Frost und manchen Sommer's Gluthauch gestreift, und tiefe Spuren zieht Die Zeit in ihrem Wandel. Näher bin Dem Alter ich, als Deiner sonnigen Jugend Der schöne Jüngling; wählen muß er selbst. Ruth: Nicht ständ' es wohl mir an. Dir, Herr, zu sagen. Was mir im Herzen räthselhaft sich regt. Doch ich gedenke sein, der bis zu Dir Den zagen Fuß geleitet, welches Loos Er mir auch füge, — dankbar und gehorsam Nehm' ich es hin: er kennt mein tiefstes Wünschen, Und Deinem Gott, der auch der meine ist. Vertrau' ich meine Seele hoffnungsvoll. Laß mich, o Herr, wie es Naemi mir, Wie's mir mein eigen kindlich Herz gebietet. Zu Deinen Füßen ruhen; bist Du doch Mein Helfer, mein Beschützer! Boas: Schlummre sanft. Nicht sichrer weilst Du in des Vater's Haus Als hier in trauter Nähe, meine Tochter. Bis morgen harre; eh der Tag vergangen Ist Dein Geschick entschieden. Wählt Dich Rüben, So muß dem höchsten Glücke ich entsagen. Und will es fassen und ertragen lernen.