Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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245 Vielleicht will er" mich diesmal überraschen, sagte sich Magdalene zu ihrer> eigenen Beruhigung, als sie über ihre Stickerei gebeugt auf der schattigen Veranda saß, aber der kreischende Ton des Schlüssels verklang nicht in ihrem Ohr. Der Nachmittag schlich dahin, der Abend brach herein und die beginnende Dämmerung mußte dem Maler längst jede Arbeit unmöglich gemacht haben. Nichts regte sich im Atelier. Klopfenden Herzens beschloß Magdalene endlich, von der Seite des Schlafzimmers, nicht durch die Thüre, die absichtlich vor ihr verschlossen worden war, mit dem Kinde zum „Gutenachtsagen" bei seinem Vater einzutreten. Der Kleine hatte schon sein langes Nachthemdchen an und lehnte müde sein Köpfchen an die Schulter der Mutter, als sie mit ihm die Schwelle des Arbeitszimmers betrat. Magdalene blickte zuerst nach der Staffelei, denn von dort würde sie, wie sie dachte, der erste erstaunte und vorwurfsvolle Blick des Gatten treffen. Das Kind hatte aber nach der anderen Seite gesehen, und mit wichtiger Miene legte es nun sein Fingerchen an den Mund. „Bubi still sein, Papa schläft," sagte es. Magdalene wandte sich nun dem Divan zu, auf den das Kind deutete. Dort . lag Gabriel, ausgestreckt, starren Auges, ein Fläschchen in der schlaff herabhängenden Hand. Ein Blatt lag auf dem nächsten Tische. Zitternd ließ Magdalene das Kind in einen Armstuhl gleiten. „Johannes," schrie sie auf und beugte sich in furchtbarem Entsetzen über den Körper des Entseelten und bei dem langsam verdämmernden Schein der untergegangenen Sonne begann sie zu lesen. „Und wenn ich es noch tausendmal und aber tausend- „mal versuchte, Magdalene, ich könnte nur andere Worte „finden um stets dasselbe zu sagen. Ich kann mein „Leben nicht länger ertragen, denn es ist eine Kette von „Lügen. Wie wohl es mir thut, einmal die Wahrheit „in's Auge zu fassen! Ja, ich habe gelogen mein Leben „lang!