Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 246

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Ein Schwächling
Date
1902-01-01
Page
Seite 246 (sequence 37)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3111067-3111076-3113306--1448-3113566
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 246 „Ich habe gelogen, da ich meine Kunst höher stellte als „meinen Vater, denn ich litt schwerer unter seinem Fluch, „als wenn man mir die Hand abgehauen hätte, die den „Pinsel führt. „Ich habe gelogen, als ich mich zu einem Glauben „bekannte, der meinem Herzen fremd geblieben ist; und, „Magdalene, ich habe gelogen, da ich Dich zum Weibe „nahm, die ich schätzte, aber nicht liebte, nur hoffend, in „Dir eine Stütze zu finden für meine Schwäche. Und ich „habe gelogen, da ich ein Mädchen meines Stammes „fand und erkannte, daß ich sie liebte in dem Momente, „wo sie meine gerechte Richterin wurde. „Ich log und log mit jedem Atemzuge. „Und nun, Magdalene, da Du verlangst und darauf „bestehst, daß ich auch in meiner Kunst lüge, daß ich im „Bilde heuchlerisch und lügnerisch darstellen soll, was ich „nicht glaube, da versagt mir die Kraft der Schwäche. „Das Einzige in der Welt, das ich frei von Lug und „Trug mir erhalten habe — meine Kunst — soll auch „rein bleiben! „Ich weiß, daß ich mit dem Entschlüsse, freiwillig in „den Tod zu gehen. Dir, meiner gläubigen Magdalene, „Entsetzliches zufüge — aber in Deinem Glauben wirst „Du auch Trost finden und in unserem Kinde. Du wirst „es erziehen, und wirst es in Deinem Sinne erziehen. „Wohl ihm, wenn es glauben kann! „Aber, Magdalene,. wenn der Knabe denken lernt und „chm Dein Glaube fiemd wird — dann zwinge seine junge „Seele in keine Fessel. Laß ihn frei sein und wahr, „damit er ein ehrlicher, würdiger Mensch werde! „Habe Dank für all' Deine Güte und vor Allem „dafür, daß Du mir den Weg wiesest in das hehre Heilig- „tum der Kunst. Gabriel."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.