Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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— 246 „Ich habe gelogen, da ich meine Kunst höher stellte als „meinen Vater, denn ich litt schwerer unter seinem Fluch, „als wenn man mir die Hand abgehauen hätte, die den „Pinsel führt. „Ich habe gelogen, als ich mich zu einem Glauben „bekannte, der meinem Herzen fremd geblieben ist; und, „Magdalene, ich habe gelogen, da ich Dich zum Weibe „nahm, die ich schätzte, aber nicht liebte, nur hoffend, in „Dir eine Stütze zu finden für meine Schwäche. Und ich „habe gelogen, da ich ein Mädchen meines Stammes „fand und erkannte, daß ich sie liebte in dem Momente, „wo sie meine gerechte Richterin wurde. „Ich log und log mit jedem Atemzuge. „Und nun, Magdalene, da Du verlangst und darauf „bestehst, daß ich auch in meiner Kunst lüge, daß ich im „Bilde heuchlerisch und lügnerisch darstellen soll, was ich „nicht glaube, da versagt mir die Kraft der Schwäche. „Das Einzige in der Welt, das ich frei von Lug und „Trug mir erhalten habe — meine Kunst — soll auch „rein bleiben! „Ich weiß, daß ich mit dem Entschlüsse, freiwillig in „den Tod zu gehen. Dir, meiner gläubigen Magdalene, „Entsetzliches zufüge — aber in Deinem Glauben wirst „Du auch Trost finden und in unserem Kinde. Du wirst „es erziehen, und wirst es in Deinem Sinne erziehen. „Wohl ihm, wenn es glauben kann! „Aber, Magdalene,. wenn der Knabe denken lernt und „chm Dein Glaube fiemd wird — dann zwinge seine junge „Seele in keine Fessel. Laß ihn frei sein und wahr, „damit er ein ehrlicher, würdiger Mensch werde! „Habe Dank für all' Deine Güte und vor Allem „dafür, daß Du mir den Weg wiesest in das hehre Heilig- „tum der Kunst. Gabriel."