Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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244 „Ja, aber gehen Sie." Gabriel ging. o o # Jj. Jj. Am nächsten Tage machte Gabriel keinen Spaziergang. Magdalene fand ihn so blaß und elend aussehend, daß sie ihn gerne nach seinem Befinden gefragt hätte, wenn sie nicht gefürchtet hätte, keine Antwort zu bekommen. Nach dem Mittagessen nahm er das Kind auf den Arm, setzte es aber bald wieder in sein Stühlchen und sagte, er wolle nun an die Arbeit gehen. Wie ein Sonnenschein überblitzte es Magdalenens Gesicht. „Nun wird alles wieder gut," sagte sie halblaut. Gabriel, der die Worte gehört hatte, nickte mechanisch zustimmend und ging in sein Atelier. Magdalene wollte ihm in gewohnter Weise mit ihrer Handarbeit in den ihr heiligen Raum folgen, da hörte sie absichtlich geräuschvoll den Schlüssel von innen umdrehen. Das war ein fürchterlicher Ton für Magdalene; es war wie wenn ein kostbares Gefäß plötzlich einen Sprung bekommen hätte. Warum, stagte sich Magdalene, warum darf ich an dieser Arbeit nicht teilnehmen, wie an den anderen? Das große Gemälde „Der Triumphzug des Titus", dieses Werk, das Gabriels Ruhm als Künstler gegründet hatte, hatte Magdalene Skizze um Skizze, fast Pinselstrich um Pinselstrich entstehen sehen. Sie war ihrem Manne immer eine feinfühlige, kunstsinnige Beratherin gewesen. Zur rechten Zeit das Wort, zur rechten Zeit das Schweigen beherrschend, hatte sie stets Zutritt zu seiner Arbeitsstätte gehabt. Warum verbannte er sie plötzlich aus dem Raum? Zürnte er ihr, daß sie ihn an sein Gelöbnis erinnert hatte? Sie bereute nicht, es gethan zu haben. Ja, er sollte das Votivbild malen. Damit würde nicht nur der tiefste Wunsch ihrer Seele erfüllt, sondern auch das höchste Ziel ihres Ehrgeizes für ihren Mann erreicht werden; damit würde er, auch dem Inhalte seiner Schöpfungen nach, jenen Künstlern nachstreben, die Magdalena um ihres frommen Glaubens willen so unendlich schätzte und verehrte.