Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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243 „Ja, und den Ausdruck von Wut und Scham und Verzweiflung in dem Gesicht des Alten findet mein Vater so gut, weil er seinen Lehrer einmal in ähnlicher Aufregung gesehen hat, nachdem ihm sein einziger Sohn, ein Lump, durchgegangen war." „Wieso wissen Sie, daß der Sohn ein Lump war?" fragte Gabriel mit heiserer Stimme. „Eine Christin soll chm in den Kopf gesetzt haben, daß er Künstler werden müsse. Das wäre natürlich noch nicht das Schlimmste gewesen und ich hätte chn deshalb noch nicht für schlecht gehalten. Aber man sagt, er hätte sich später, nachdem er seinem Vater, ein einsames Alter bereitet, taufen lassen, und das ist in meinen Augen seine Schlechtigkeit." „Fräulein Clara, fürchten Sie nicht, eine große Ungerechtigkeit zu begehen, wenn Sie einen Menschen so ungehört verdammen?" „Halten Sie mich nicht für fanatisch und ungerecht, daß ich die Taufe des jungen Mannes von vornherein und ohne ihn zu kennen als eine Schlechtigkeit oder gelinde gesagt als Charakterschwäche bezeichne. Heute, wo wir Juden beständigen Angriffen ausgesetzt sind, muß ein Jude zum anderen stehen, mag er in religiösen Dingen noch so frei denken. Es ist feige und ehrlos, in das Lager der Angreifer überzugehen." Die braunen Augen Clara's blitzten und die emsigen Hände des sonst so sanftmütigen Hausmütterchens ballten sich in ehrlichem Zorn zur Faust. Gabriel schaute dem erregten Mädchen mit blassen Lippen starr in's Antlitz. „Und Sie könnten einen Mann, der solche Charakterschwäche, solche Ehrlosigkeit gezeigt hätte, nie lieben-?" „Lieben? Lieben? Ja, lieben könnte ich ihn, wenn ich ihn lieben müßte, denn Liebe ist stärker als Verstand und Wille, — aber ich würde an dieser Liebe zugrunde gehen, denn er wäre mir verächtlich." „Clara," entrang es sich in entsetzlichem Weh der Brust des moralisch Gefolterten. „Ich bin der Lump, der geächtete Sohn des Lehrers! Höst Du mich lieb, Clara, wie ich Dich liebe, Du ehrliches, tapferes Kind?" 16*