Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 31)
- Language
- German
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240 und der derberen rundlichen Brünette, waren die beiden Frauen auch in ihrer Innerlichkeit typisch für die Verschiedenheit des Stammes, dem sie entsprossen. Gabriel, der bisher noch kein Judenmädchen gekannt, der es absichtlich vermieden hatte, mit seinen ehemaligen Glaubensgenossen zu verkehren, fühlte sich wie durch einen Zauber dahin gezogen, von wo er sich mit größtem Krastauswande einst losgerissen hatte: zum Judentum. Nicht, daß er plötzlich wieder Vorliebe für die in seiner Jugend abgestreiften Formen ernpfunden hätte, nicht als Vertreterin chrer Religion gefiel ihm das Mädchen, sondern als Produkt der Religions- und Lebensauffassung ihrer Väter war sie ihm sympatisch. — Es war ungefähr vierzehn Tage, seit Gabriel seiner Frau das Versprechen, ein Votivbild zu malen, erneuert hatte und etwas länger als eine Woche, seit er Clara Salzer kannte. Wenn er zu jener Zeit im Beichtstuhl die vollständige Wahrheit über die Vorgänge in seinem Innern hätte darthun müssen, er hätte keinen sündigen Wunsch, keinen unehrenhaften Gedanken zu gestehen gehabt, und dennoch empfand er etwas wie quälende Gewissensbisse. Er verschwieg Magdalenen, daß er auf seinen Spaziergängen ein Mädchen kennen gelernt hatte, und so viel sie auch schon geplaudert hatten — Clara wußte nicht, daß er Frau und Kind daheim habe. Er machte sich Vorwürfe über diese Heimlichkeit und Unaufrichtigkeit, fand aber doch uicht den Mut, sie aufzugeben und ward Magdalenen gegenüber nur noch gereizter. Als eines Nachmittags Magdalene nach seinem Skizzenbuch griff und mit etwas gezwungenem Lächeln fragte, ob er schon landschaftliche Studien zu seinem Bilde gemacht habe, da sprang Gabriel erregt von seinem Sitze auf. „Ich habe Dich oft meine Muse genannt, Magdalene, und Du hast für mein künstlerisches Schaffen immer das feinste Verständnis gezeigt — als Mensch aber hast Du mich nie verstanden. Du quälst mich, Magdalene." „Ich wollte Dich nicht quälen. Ich sehe Dich verstimmt und denke Anregung und Arbeit würde Dir gut thun."