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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 241

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Ein Schwächling
Date
1902-01-01
Page
Seite 241 (sequence 32)
Language
German
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241 „Du magst ja Recht haben. Aber meine Arbeit ist keine mechanische Taglöhnerarbeit, die man beliebig beginnen kann und deren Gegenstand in der Wahl eines Anderne liegt." Magdalene schwieg. Unvermittelt fragte Gabriel: „Wo ist das Kind?" „Es schläft." „Wenn es erwacht, wollen wir einen Rundgang um die Königswiese machen." Clara war heute mit ihrem Brüderchen nach Wien zum Arzt gefahren und kehrte erst gegen Abend wieder nach Mödling zurück. Am nächsten Tag kam Gabriel langsam, gedankenvoll den Weg zur Höldnichsmühle herangeschritten. Clara hatte sich mit ihrer Handarbeit an einem der Wirtstische niedergelassen und den Kindern zur „Jause" einen Imbiß von Milch und Brot geben lassen. Als Siegfried den „Herrn von Gabriel" kommen sah, sprang er ihm entgegen und nicht achtend der Schwierigkeiten, die ihm die Aussprache der Zischlaute bereitete und erfüllt von der Wichtigkeit seiner Person und deren Gesundheit, schrie er schon von weitem: „Der Herr Doktor hat gesagt, ich soll jeden Tag zwei Liter Milch trinken, dann wird man in einem Vierteljahr nicht mehr wissen, daß ich Scharlach gehabt habe." Da Gabriel dieser Mitteilung gegenüber stumm blieb und nicht das vom Helden Siegfried erwartete und gewohnte Interesse für dessen Wohl zeigte, so forderte das Bübchen, sichtlich gekränkt, Elsa auf, Tannenzapfen suchen zu gehen und versprach güügst, nachher noch ein Glas Milch zu trinken. Clara, die fühlte, daß ihr Erziehungsresultat Herrn Gabriel nicht sehr imponieren könne, entschuldigte die Unart des Knaben mit seiner Kränklichkeit, doch immer noch blieb Gabriel stumm, als hätte niemand zu ihm gesprochen. Nach einigen Minuten versuchte Clara, der Gabriels wortloses Hinbrüten unbehaglich wurde, einen anderen Gesprächsstoff. 16

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