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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 239

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Ein Schwächling
Date
1902-01-01
Page
Seite 239 (sequence 30)
Language
German
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239 Der Zufall hatte Gabriel mit Clara Salzer bekannt gemacht, aber einem unbewußt in ihm aufkeimenden, lebhaften Verlangen nachgebend, war es sicher kein Zufall mehr, der ihn das Mädchen auf chren täglichen Spaziergängen mit chren Geschwistern immer wieder begegnen ließ. Die Überzeugung, daß sie es mit einem Glaubensgenossen zu, chun habe, hatte Clara viel zutraulicher gemacht, als sie es sonst einem Fremden gegenüber gewesen wäre, und so war Gabriel bald in ihre ganz einfachen Verhältnisse eingeweiht. Ihr Vater war Getreidehändler und hatte der Schwächlichkeit seines Söhnchens zuliebe eine Sommerwohnung in Mödling gemietet, wo alle Vorschriften und Bedingungen eines jüdisch-orthodoxen Lebens und durch die Nähe der waldreichen Brühl gleichzeitig die Anordnungen des Arztes befolgt werden konnten. Clara war keine Schönheit, die das Auge des Malers im Sturm hätte gewinnen müssen, noch besonders liebenswürdig und kokett im Verkehr mit dem Fremden. Dennoch suchte Gabriel ihre Gesellschaft und konnte sich nicht satt hören an dem, was sie von ihrem im denkbar kleinsten Rahmen sich abspielenden Leben erzählte. Der Tonfall chrer Stimme that ihm wohl; Worte und Redewendungen, die sie gebrauchte und die er jahrelang nicht gehört hatte, berührten ihn so traulich, so heimatlich, daß es ihm manchmal wie ein Traum, wie eine Unmöglichkeit erschien, zu denken, daß er seit langem schon einer andern Welt angehöre, daß er eine Frau habe, die sür all' das, was ihn heute zu Thränen und zum Lachen brachte, kein Verständnis habe. — Und er fing an, die beiden Frauen zu vergleichen: Magdalene und Clara. Magdalene, die stets kühle, etwas langsam denkende und gemessene Frau, der Bildung und ein verfeinerter Sinn sür das Formschöne eine bewußte Vornehmheit gegeben hatten, die sie nur in einer bestimmten. Sphäre behaglich werden ließ, — und Clara, das Mädchen, das viel weniger gelernt, aber raschen, lebhaften Geistes war und die ursprünglich und unbeeinflußt, außer in religiöser Beziehung, in ihrer Natürlichkeit eine größere Anschauungs- und Anpassungsfähigkeit besaß. Wie in ihrer äußeren Erscheinung, der zarten Blondine

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