Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113306--1440-3113558- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
238 von seinem Sitze aufftehend und sich dem jungen Mädchen zuwendend. „Ich weiß oft nicht, was ich sagen soll! Die Kinder sind nicht mehr in dem Alter, wo sie zu fragen aufhören und sich nur der Befriedigung eines religiösen Gefühls hingeben. Ich habe früher als meine Geschwister zu fragen aufgehört." — Meinen Sie nicht, daß auch für Sie nochmals eine Zeit kommt, in der Sie wieder zu fragen anfangen? „Ich hoffe das nicht. Ich glaube, das würde mich sehr unglücklich machen." — Sie leben wohl ausschließlich im engsten Familienkreise. „Ja. Als Aelteste habe ich Mutterstelle bei den Kindern zu vertreten. Der Vater hat sie mir ganz allein anvertraut, seitdem die Mutter tot ist." — Ihr Vater ist sehr fromm? „Ja, sehr." „Erlauben Sie?" Mit der in Österreich oft üblichen Ungeniertheit setzte Gabriel sich auf die eine Ecke der Bank und fing an, rasch nacheinander dicke Rauchwolken vor sich Hinzublasen. Rach einigen Minuten, die Elsa und Siegfried dazu benutzten, sich fiüsternd über den Fremden zu unterhalten, warf er, sich plötzlich besinnend, die brennende Cigarre fort. „Verzeihen Sie, daß ich doppelt rücksichtslos war, in Ihrer Gegenwart zu rauchen, zudem ich doch wußte, daß es Sie heute verletzen müsse." Dem jungen Mädchen stieg eine rasche Blutwelle in das hübsche, dunkle Gesicht. „Aus Ihrer Bemerkung sehe ich, daß Sie unsere Gesetze sehr wohl kennen. Wenn Sie nicht die Kraft und den Willen haben, ihnen nachzuleben, so kann ich als Fremde es nur im allgemeinen bedauern, — verletzen kann es mich nicht. Übrigens ist es auch Zeit, daß wir nachhause gehen. Kommt, Kinder —" Mit einem freundlichen Gruß erhob sie sich und schlug die Richtung nach dem „Neuweg" ein.