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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 235

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Ein Schwächling
Date
1902-01-01
Page
Seite 235 (sequence 26)
Language
German
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235 „Wem sieht das Kind ähnlich?" fragte sie chren Mann, der eben damit beschäftigt war, das schöne Landschaftsbild mit dem „schwarzen Thurm" auf dem bewaldeten Bergrücken in einer Aquarellskizze aufzunehmen. „Wem sieht das Kind ähnlich?" wiederholte sie zum zweitenmal, da Gabriel die Frage überhört zu haben schien. — Meinem Vater in jedem Zug, sagte Gabriel, ohne von feiner Arbeit aufzusehen. „Johannes, ist das Dein Ernst? Markus ist doch blond." — Den Vorteil hat er allerdings, aber ich finde doch im Schnitt der Augen, der Nase und auch im Ausdruck des Mundes, wenn der kleine Kerl lacht, entschieden meinen Vater wieder. Das ist wohl ein großer Nachteil für das Kind? Magdalene stand mit dem Kinde auf dem Arm auf und trat zu ihrem Mann hin. „Wie Du nur sprichst! Sind wir nicht froh Johannes, daß wir das Kind haben, frisch und gesund, mag es auch vielleicht — weniger hübsch sein." Gabriel legte den Pinsel aus der Hand und mit stummer, stürmischer Zärtlichkeit nahm er den Kleinen in seine Arme. „Johannes, erinnerst Du Dich noch des Momentes, da Du an meinem Bette knietest? Ich war zu schwach, um nur die Augen zu öffnen und das Kind so elend, daß man meinte, sein kaum entzündetes Lebensflämmchen müsse jeden Moment erlöschen. Und da, Johannes, ich hörte es, da betetest Du laut und flehtest — und in meinem Innern vereinte ich mein Gebet mit dem Deinen und Du schriest auf: „O Gott, laß ein Wunder geschehen — wenn es einen Gott giebt — und ich will Dir opfern von dem Besten, das ich habe!" Weißt Du es noch, Johannes?" Magdalene kniete und umfing Mann und Kind mit ihren Armen und suchte den Blick ihres Mannes, der aber sah starr und unverwandt auf das blonde Lockenköpfchen an seiner Brust. „Und unser Gebet wurde erhört. Das Wunder geschah. Ich wurde gesund, das Kind, es blüht und gedeiht, aber was Du versprochen hast, hast Du noch nicht gehalten. Vom Besten, das Du hast, von Deiner Kunst mußt Du opfern, ein Bild so schön und heilig wie unsere Liebe."

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