Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 234 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Keine Bewegung, kein Wort Gabriels verrieten Zustimmung und Widerspruch zu dem, was Magdalene gesagt. „Denn sehen Sie, Johannes," fuhr Magdalene, im Sprechen immer wärmer werdend, fort, „die Religion, der Gesichtskreis und der Gedankenkreis, in dem Sie geboren sind, sie waren dem Künstler in. Ihnen hinderlich. Nun Sie glauben gelernt, jenen Glauben, der die Besten von uns zu den großen Menschen und Künstlern gemacht hat, die Menschen allen Glaubens zur Bewunderung zwingen — in dem Glauben werden auch Sie das richtige Ausdrucksmittel für Ihre Kunst finden, — in ihm werden Sie Großes leisten, ein rechter Künstler werden." „Wer nur immer glauben könnte!" fiüsterte Gabriel fast unhörbar. „Momente des Zweifels kommen Allen, die nicht stumpfsinnig vor sich hinleben. Aber könnte ein Mensch Solches Hervorbringen" — Magdalene wies auf das Kunstwerk Murillo's — „wenn er nicht glaubte, und ist ein Glauben nicht göttlich, der Solches hervorbringt?" „Wie Sie so warm und überzeugend sprechen können, Magdalene! Mir hastet ein zweifelnder, grüblerischer Sinn an, der mich leicht schwankend macht. Ich brauche oft eine kräftige Hand, die mich zurechtweist, wenn mir der Weg vor den Augen zu entschwinden droht. Magdalene, seit meinen Knabenjahren waren Sie meine Muse, wollen Sie auch weiter mein leitender Engel bleiben?" „Von Herzen gern, Johannes." Stumm schritten die Beiden durch die weiten Säle, doch streiften sie die Werke der Meister nur mit geistesabwesendem Blick. Auch die Freitreppe wandelten sie noch stumm hinab, aber draußen, zwischen den Hecken im Frühlingssonnenschein ließ sich's vertraulich erzählen und sprechen von Vergangenheit und Zukunft. Auf der Veranda eines Häuschens in der Hinterbrühl, nahe der Königswiese saß Magdalene Gabriel und ließ ein dickes Bübchen von ungefähr anderthalb Jahren auf den Knieen tanzen.