Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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236 Noch immer schwieg der Mann. Magdalene erhob sich. „Johannes, und wenn es eine Strafe gäbe für Gelübde, die man nicht hält, wenn Du gestraft würdest an dem Kinde-?" Gabriel wurde bleich. — Du hast Recht, Magdalene. Wenn es damals ein Wunder war, das Dich und mein Kind mir erhielt, dann kann es auch eine Strafe geben, wenn ich das Gelöbnis jener entsetzlichen Stunde nicht erfülle. Beruhige Dich, Magdalene, meine Schuld soll es nicht sein, wenn unser Schatz nicht weiter gedeiht. Mit unendlicher Zärtlichkeit strich Gabriel über die Wänglein des Kleinen. „Und Du wolltest endlich, Johannes?" — Ja, ein Votivbild malen. „Gott sei Dank." — Ein Jesuskind in der Krippe, oder Christus und Johannes — ich weiß es noch nicht. Nur brauche ich Zeit dazu und Studien und das Kind, das Kind mußt Du mir überlassen. „Von Herzen gern, wachend oder schlafend, wie Du das Modellchen brauchst." Von dem Tage an erfaßte den jungen Künstler eine seltsame Unruhe. Die Gegenwart Magdalenens, die bisher immer etwas Beruhigendes für ihn gehabt hatte, ward ihm plötzlich unbehaglich und manches unbefangene Wort, manche ganz unabsichtlich herbeigeführte Wendung ihres Gespräches deutete er in einem Sinne, der ihm lästiger war, als er es sich eingestehen wollte. Gabriel, der sonst wohl Naturfreund aber kein Tourist war, begann nun plötzlich eine Leidenschaft für weite, oft über ganze Tage sich ausdehnende Spaziergänge zu bekunden. — In der Brühl, mit chren außerordentlich schönen, zum Teil ganz wild und hochgebirgsartig sich darstellenden Felspartien und Waldhängen fand Gabriel reichlich Gelegenheit,