Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 233 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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233 „Gabriel, wie freue ich mich. Sie wieder zu sehen und gerade hier! Und der Johannes, er hat Sie auch gefesselt. Sie an längst entschwundene Tage erinnert." Ein Sonnenstrahl fiel von rückwärts auf Magdalenens aschblondes Haar; die Freude, die Überraschung hatten ihre zarten Wangen gerötet, so daß sie in dem Moment so frisch und rosig aussah wie vor zehn Jahren. Der junge Mann starrte das Mädchen wie traumverloren an. Er hielt ihre Hand fest in der seinen, fand aber auf ihre herzlichen Worte keine Erwiderung. „Haben Sie kein Wort für Ihre Jugendfreundin? Ich dachte so viel an Sie und hörte nie mehr etwas von Ihnen, Gabriel." Als Magdalene diesen Namen aussprach, ließ der junge Mann mit einer heftigen Bewegung ihre Hand los. „Verzechen Sie die vertrauliche Ansprache. Die alten Zeiten waren plötzlich so lebendig in mir geworden-" Eine dunkle Röte stieg in das Antlitz des jungen Mannes. „Ich heiße Johannes — mit meinem Taufnamen. Gabriel ist mein Familienname — ich lebte einige Jahre in Rom, wo — man mir die Mittel verschaffte, mein Leben der Kunst zu weihen." Mit unsäglicher Anstrengung hatte Gabriel diese wenigen Sätze hervorgestoßen, dann wandte er sich von Magdalenen ab und sah den Johannes im Bilde mit starrem Blicke an. „Und Ihr Vater?" „Tot." Ein paar schwere Thränen entquollen seinen weitgeöffneten Augen. „Nun vermag ich mich über Ihren Schritt zu freuen — Johannes." „Freuen?" Gabriel fuhr heftig herum, als er das Wort fragend und mit leisem Stirnrunzeln begleitet, wiederholte. „Ja, freuen, von Herzen freuen, da Sie mit diesem Schritte Niemandem mehr weh und sich so wohl gethan haben."