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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 232

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Ein Schwächling
Date
1902-01-01
Page
Seite 232 (sequence 23)
Language
German
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232 man nicht ausschließen und auch manch goldener Strahl schlüpfte verstohlen in den Saal und verbreitete sein Licht — ungünstig vielleicht für den pedantischen Beschauer, aber günstig für die Seelen der Körper, die von Künstlerhand hingezaubert worden waren. Sie wurden lebendig in dem unsicheren Lichte. Schelmischer denn je schienen die nackten Kindlein des Rubens heute zu lachen, holdseliger die Madonna im Grünen dem Knäblein entgegen zu blicken, der hoheitsvolle Blick der Justina schien beweg: und gemildert. Und der Johannes erst! So wie man bei Menschen oft nicht sagen kann, warum man sie eigentlich lieb hat, so auch bei Bildern. Sie geben uns gerade das, was wir brauchen, um innerlich zufrieden zu werden, und deshalb kehren wir immer wieder zu ihnen zurück, mag auch unser Verstand andere Kunstwerke bereitwilligst für ebenso schön und noch schöner erklären. Im Banne des Blickes, den der Johannes von Murillo forschend und träumerisch, kindlich, doch wie ein tapferes Kind, auf die Welt heftet, stand ein junger Mann. Er hatte schon einigemal die Säle der Galerie langsam durchschritten, doch immer wieder zog es ihn zum Johannes zurück. Nicht prüfend, nicht kritisierend stand er da, sondern hingegeben einer Kette von Erinnerungen. Der Johannes war ja der erste Eindruck von Kunst gewesen, den er in seiner Jugend empfangen, dabei ein Lied — eine Stimme — und nachher kurze, gestohlene Augenblicke nie geahnter Freuden. Und die Freuden, wem dankte er sie, wer hatte in jenen längst vergangenen Tagen seinem Leben Form und Farbe gegeben? Magdalene! Unweit des jungen Mannes, der schmalschulterig, mit etwas vorgebeugter, schüchterner, unfreier Haltung vor dem Gemälde stand, saß eine Dame, die fleißig in ihrem Skizzenbuche zeichnete. Der junge Mann hatte ihr nur sein blasses, scharf geschnittenes Profil zugewandt, und sie schenkte chm keine Aufmerksamkeit, bis der Name Magdalene leise von seinen Lippen geklungen war. Sie blickte auf, eine heftige Bewegung von ihr machte den eiftigen Beschauer darauf aufmerksam, daß er nicht allein sei. Er wandte sich um, und gleichzeitig streckten sich zwei Hände aus, um sich in warmem, fteundschaftlichem Druck zu begegnen.

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