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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 231

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Ein Schwächling
Date
1902-01-01
Page
Seite 231 (sequence 22)
Language
German
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231 kind. Was Deine Seele braucht, ist Liebe und Schönheit, und die sollst Du bei uns finden." Es brauste die Orgel in mächtigem Klang; berauschende Wolken von Weihrauch schlugen den Eintretenden entgegen; Lichter blitzten aus wie aus weiter, weiter Ferne und die aufstrebenden Pfeiler schienen sich in's Unendliche zu verlieren. Gabriel sank in einem Betstühle vor einem bekränzten Bildnisse der Madonna regungslos wie entseelt zusammen. Köstlicher Frühlingssonnenschein lag auf den Kieswegen und den symmetrisch zugestutzten Hecken und Bäumen des Belvederegartens. Die jungen knospenden Triebe drängten den warmen Strahlen so energisch entgegen, als hätten die alten Stämme nie erfahren, was eine Gartenscheere sei. Vielleicht wollten sie's aber auch nur den Menschen zeigen, wie man's machen müsse: kräftig drauf los gewachsen, wenn's geht und so lang es geht! Auch den Sandsteinsphinxen, die anscheinend so gedankenvoll in die Lust starrten, schien die Sonne ftöhlich entgegen, als wollte sie ihnen sagen, das Rätsel des Lebens ist gelöst; die Lösung heißt: Freude und Schönheit. Und inmitten des Gartens, in dem Palaste, der Jahrzehnte lang der Kunst geweiht war, da hingen tausendfältig die Versuche, einen Teil der Lösung des Lebensrätsels in Farben und Formen dem Menschen klar zu machen. Wie die Natur in ihren sich immer gleich bleibenden Elementen mannigfach und veränderlich auf den Menschen zu wirken vermag, je nach der Gruppierung und dem Vorherrschen der einzelnen Elemente, so sind auch Kunstwerke verschieden in ihrer Wirkung, abhängig von Beleuchtung und Umgebung und nicht zum mindesten abhängig von der Stimmung des Beschauers. An jenem Frühlingstage konnte Alles, was die großen Meister geschaffen, in den hohen Galleriesälen doppelt schön erscheinen. Vorhänge verhüllten zwar die breiten Fenster, damit kein direkter Sonnenstrahl die kostbaren Leinwände verderbe, aber die Frühlingsluft, den Frühlingsdust konnte

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