Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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280 „Nehmt mich mit! Ich will ihm sagen, daß ich nicht schlecht sein wollte." Und er beugte sich und neigte sich über das Geländer der Brücke und die tanzenden Lichtlein unten hätten ihre Lockung vollbracht, wenn nicht eine Hand den sich vorbeugenden Körper kräftig zurückgerissen hätte. Gabriel stand einem Manne gegenüber, den der lange schwarze Rock und der eigentümliche Halskragen alsbald als katholischen Geistlichen erkennen ließen. „Was wollen Sie von mir?" herrschte Gabriel ihn an. „Ich will nichts von Ihnen. Ich will nur meine Pflicht thun, die darin besteht, den Bedrängten beizustehen und den Verzweifelnden zu helfen." Ganz ruhig und wie selbstverständlich legte der Geistliche seinen Arm in den Gabriels. Es war ein eigentümliches Gefühl, das Gabriel nun mit einem Mal überkam. Das Seltsame, Wunderbare, Unmögliche, das er noch vor einigen Minuten herbeigesehnt hatte, war zur Thatsache geworden: Aus der wirren fremden Menschenmasse hatte sich ein Mensch losgelöst, um an seinem Schicksal teilzunehmen! Dieser Mensch, er trug zwar jenen Rock, den man ihn von frühester Jugend an hassen gelehrt hatte, weil er das Zeichen der Ungläubigkeit und der Verfolgung für seinen Stamm war, — aber jetzt lag der Arm des Trägers fest und liebevoll in dem seinen. Das Bedürfnis nach Anschmiegung und die Sehnsucht danach, verstanden zu werden, waren so groß und mächtig, daß er wie ein Kind, willenlos sich der Führung des Geistlichen hingab. Dieser vermied es, die volksbelebten Straßen zu durchschreiten. Gassen und Durchhäuser ' emsig durchschneidend, kehrte er schließlich doch wieder auf den Stephansplatz zurück und betrat mit dem jungen Mann durch ein Seitenpförtchen den Dom. An der Schwelle wollte Gabriel sich losreißen. „Ich bin schlecht," murmelte er mit halb erstickter Stimme. Da faßte ihn fein neuer Freund mit festem Griff. „Du bist nicht schlecht. Ich kenne dich; ich habe dich schon lange beobachtet. Du bist ein unglückliches Menschen-