Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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229 mitgenommen? Wenn ich nur wüßte, ob ich schlecht bin? Ja, ich bin schlecht, denn ich habe meinen Vater allein gelassen; ich bin schlecht, denn ich wollte klüger sein als er. Ich habe Hirngespinnsten nachgejagt und über Träumen von Schönheit und Ruhm meine nächste Pflicht versäumt-- Gabriel fuhr von seinem Sitze auf. Gleichmütig tickte die Küchenuhr und Frau Wewerka führte im Nebenzimmer ein böhmisches Selbstgespräch. Die engen Wände des kleinen Raumes drückten ihn und abermals überkam chn das schreckliche Gefühl, im Gefängnis zu sein. Da hörte er im Nebenzimmer einen Sessel rücken, das Zeichen, daß Frau Wewerka gleich erscheinen werde und reden ohne Aufhören. „Nur das nicht," flüsterte Gabriel und schlüpfte zur Thür hinaus. Das unsicher und flackerig erleuchtete Stiegenhaus, in das Gabriel scheuen Schrittes trat, erschien ihm so unheimlich, daß er mehrere Treppen auf einmal nahm und planlos sortlief. Dabei hatte er plötzlich das Gefühl, als werde er auf der unteren Stiege von einem schwarzen Schatten verfolgt. „Das böse Gewissen," sagte er halblaut und eilte, so rasch er konnte, um dem dunklen Thoreingang zu entfliehen und unter Menschen zu kommen. Menschen, ja Menschen waren es, die jetzt zwischen sieben und acht Uhr abends die innere Stadt zu Tausenden durchfluteten, aber fremde Menschen. Keine Seele, zu der er hätte sprechen können, kein Freund, den er hätte beftagen können in dem schmerzvollen Zweifel, der sein Inneres durchwogte. Die geschäftigen Menschen stießen und drängten den jungen Mann, der im Glanze der Lichter und Laternen so blaß und elend aussah, und manch mitleidiger Blick streifte ihn, der ohne Hut mit wirrem Haupthaar und energie- und willenlosem Gang langsam dahinschlenderte. Der Menschenstrom trieb ihn die Rothenthurmstraße hinunter, doch Niemand blieb stehen, ihm die quälenden Fragen zu beantworten: bin ich schlecht? warum lebe ich? So erreichte er den Quai und die Brücke, und unter der Brücke sah er die tanzenden Lichter. Wohin? Wohin? Abwärts, abwärts dem großen Strome zu, der am Grabe des Vaters vorbeifließt!