Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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228 Papier, dessen ursprüngliche Besümmung sicher nicht die war, einem Briefe zu dienen, sah er in krausen Zügen jene Hieroglyphen, hebräische Currentschrist, die ihm in seiner Jugend so vertraut geworden waren. Ein Blick auf die Unterschrift lehrte ihn, daß er einen Brief von seiner alten Hüterin Sarah in Händen habe. Es mußte Wichtiges sein, das sie Gabriel zu sagen hatte, denn den groben, arbeitsharten Fingern fiel es schwer, die Feder zu führen. Der junge Mann las: „Mein Gabriel, mein Goldkind! Es war nicht meine Schuld, daß ich Dir nicht geschrieben habe. Er hat es nicht erlaubt, kein gutes Wort für Dich, seitdem Du wie ein Dieb durchgegangen bist, so sagte er. Ich wußte es freilich, daß Du kein Dieb bist und Fräulein Magdalene sagte immer. Du könntest schönere Bilder malen, als die im Wohnzimmer hängen. Aber es hat ihn immer so aufgeregt, wenn ich von Dir gesprochen habe und besonders in der letzten Zeit. Ich wollte Dir schreiben, ehe es zu spät war, aber es kam schneller als man denken konnte und ich will nur trachten, daß sie das Begräbnis aufschieben, bis Du hier bist, denn sein letztes Wort war doch Gabriel. Seitdem er tot ist und ich niemanden zu pflegen und zu bedienen habe, meine ich, ich muß auch sterben, aber ich warte noch auf Dich. Deine Sarah." Nachschrift: „Fräulein Magdalene läßt grüßen. Ihr Vater ist auch gestorben und sie ist zu Verwandten gezogen". Tot, tot! Wann war es? Ein. hastiger Griff nach dem Briefkouvert. Der Brief war schon in verschiedenen Wohnungen gewesen, war nachgeschickt worden und war zu spät gekommen. Sie haben mich nicht erwarten können. Alles ist vorbei! Keine Verzeihung — und doch Sarah schreibt, sein letztes Wort war Gabriel. Wenn ich in den drei Jahren schon etwas geworden wäre und hätte vor ihn hintreten können und sagen: „Vater, auch mein Weg ist ehrenhaft und führt zu gutem Ziel."-Mutter, Mutter, Du hättest mich vielleicht verstanden. Warum hast Du mich nicht