Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 227

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Ein Schwächling
Date
1902-01-01
Page
Seite 227 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111076-3113306--1429-3113547
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

227 auf ihren Haussegen haben wollen, aber die Hab' ich chr ausgeredet, denn die Arbeit von den vielen Zweigerln wird einem doch nicht bezahlt. Aber nicht wahr, Herr Gabriel, Sie fangen gleich zum Zeichnen an, damit ich morgen gleich zum Sticken anfangen kann. Nachher Hab' ich auch noch eine Ueberraschung für Sie! Auch abrechnen müssen wir später, wenn Sie gezeichnet und ich gegessen Hab'. Morgen ist der Zins, Herr Gabriel, sonst hätt' ich so nix g'sagt." Richtig, morgen ist der Erste! Wenn, der Wochenlohn des Herrn Straubinger, wie sicher zu erwarten stand, nun ausblieb, dann gab's so schnell keine Arbeit und kein Geld wieder. Gabriel hatte schon rückständige Miete bei Frau Wewerka, trotzdem er ihr alle Zeichnungen als Abzahlung lieferte — und Frau Wewerka war selbst eine arme Frau. Dies waren die Erwägungen, als Gabriel sich still an den Küchentisch setzte und aus der Schublade desselben ein Schälchen mit blauer Farbe und Pinsel und Feder herausholte. Die Taschentücher, die er nach Geschmack mit B. oder P. zeichnen sollte, lagen schon bereit auf dem Tisch. Als er eines entfaltete, um die Ecke auszumessen, flog ihm ein an ihn adressierter Brief entgegen, — jedenfalls die Ueberraschung, von der Frau Wewerka chm gesprochen hatte. Er erschrak. In den ersten Monaten nach seiner Flucht „aus dem Gefängnis" hatte Gabriel mit fieberhafter Ungeduld auf einen Brief gewartet. Es kam keiner. Sein Vater hatte jedes seiner Schreiben unbeantwortet gelassen und der väterliche Zorn lastete schwer auf dem Gemüte des jungen Mannes. Den Willen der Eltern zu ehren, war ihm frühzeitig und strenge eingeprägt worden. Wie mußte er unter dem Drucke seiner Lehrlingsschaft gelitten haben, daß er die Fessel von sich geworfen hatte, gegen den Willen des Vaters. Doch nicht weniger litt er seither unter der Unzugänglichkeit und Unversöhnlichkeit des alten Mannes, darunter, daß dieser ihn nicht verstehen wollte, daß er ihn für schlecht hielt, weil er den alten Satzungen untreu geworden war. Nun kam nach drei Jahren ein Brief. Die Handschrift des Vaters trug er nicht; die steif gemalten Buchstaben waren ihm ganz unbekannt. Das heftige Klopfen seiner Pulse raubte ihm fast den Atem, als er den Umschlag des Briefes öffnete, und auf grobem 15*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.