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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 226

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Ein Schwächling
Date
1902-01-01
Page
Seite 226 (sequence 17)
Language
German
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226 fortzugehen, fiel kein Gruß, kein Wort mehr. Er fühlte es als Erlösung, als die drei jungen Leute ihn stehen ließen. Bei der gegen ihn ausgesprochenen Drohung war er noch um einen Schatten blässer geworden. „Das war kein Spaß," flüsterte er vor sich hin, indem er mechanisch den Heimweg einschlug. „Der Meister wartet wirklich nur auf eine Ausrede, um mich fortzujagen. Ohne Arbeit — ohne Brot. Auserwähltes Volk — auserwählt, um getreten zu werden! Auf was sind wir stolz? Auf unsere Fähigkeit, zu leiden!?" Gabriel hatte nicht weit zu gehen, um nach Hause zu kommen, von der Wollzeile in die Domgaffe. Seit drei Monaten wohnte er dort bei einer Frau, die ihren Unterhalt durch Sticken erwarb. In der Küche, die doch nur selten ihrer eigentlichen Bestimmung diente, hatte er ein sogenanntes Tafelbett als Schlafftätte gemietet. Als Gabriel träumerisch langsam die vielen Treppen des altertümlich gebauten Hauses erklomm, hatte seine „Quartierfrau", ein Krügel Bier und sonstige Zuthaten zu einem bescheidenen Nachtmal in den Händen tragend, es dennoch fertig gebracht, dem geistlichen Herrn, der im 2. Stock wohnte, an seiner Thüre die Hand zu küssen. Sie schien schon eine längere Unterhaltung mit ihm geführt zu haben, denn der Schaum des Bieres war schon ganz verlaufen. „Wenn man den Esel nennt, kommt er gerennt," sagte Frau Wewerka halblaut, als sie Gabriel kommen sah. Sie hätte die mehr sprichwörtlich als böswillig gemeinte Aeußerung auch lauter thun können; Gabriel bemerkte die Frau erst, als sie, auf ihn wartend, ihn direkt ansprach. „Herr Gabriel, Sie kommen wie gerufen, ich Hab' schon mit Schmerzen auf Sie gewartet. Sechs Monogramms in Taschentücher sind bestellt worden. P. I. oder I. P. oder gar ein weiches P. Je, jetzt weiß ich's nimmer! Aber das kommt davon, weil Sie so spät kommen, und ein Haussegen ist bestellt. Glaube, Liebe, Hoffnung auf weißem Atlas. Sie können doch auch auf weißen Atlas zeichnen? Herr Gabriel, wiffen's was, zeichnen's in die Taschentücher, was sich schöner macht von die zwei Buchstaben, ein weiches oder ein hartes P. Die Dame hat auch noch eine Dornenkrone

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