Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 15)
- Language
- German
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224 „Sehr geehrter Herr! Zu meinem großen Bedauern sehe ich mich zu nachstehender Mitteilung veranlaßt. Ihr Sohn Gabriel, der während eines Jahres trotz der liebevollsten Aufmunterung meinerseits nur mit sichtlichem Widerwillen und darum mit geringem Erfolgein meinem Comptoir gearbeitet, hatdieSabbathruhe benützt und ist gestern aus der Stadt flüchtig geworden. Er hinterließ einen Brief, in dem er schreibt, daß er eine unüberwindliche Abneigung gegen den Kaufmannsstand empfinde. Ich kann Ihnen den gerechten Kummer, den Sie durch diese Nachricht erfahren, nicht ersparen und stelle es nur noch ihrem väterlichen Ermessen anheim, ob ich polizeiliche Recherchen einleiten soll, und erwarte diesbezüglich Ihre telegraphische Weisung.. Mit der Versicherung, daß unsere persönlichen Beziehungen durch den leidigen Zwischenfall in keiner Weise gelitten haben, zeichne hochachtungsvoll S. M. Goldschmidt." Sarah hatte halb ängstlich, halb neugierig den Eindruck des Briefes auf ihren Herrn beobachtet. Endlich schien er ihn zu Ende gelesen zu haben. „Gabriel, Gabriel!" sagte ermittonloserStimme.- In einem dunkeln Hauseingang der innern Stadt von Wien, unter einem Schilde, das in fächerförmiger Anordnung sämmtliche Farben des Regenbogens zeigte, und unten die Aufschrift „Straubinger, Schilder- und Schriftenmaler" trug, verabschiedeten sich einige junge Leute nach gethaner Arbeit von einander. Zwei von ihnen versuchten das handwerksmäßige ihres Berufes durch breitrandige Hüte zu verdecken, ein Dritter hatte es nicht der Mühe wert gefunden, seine graue farbbeklexte Hose abzulegen, der Vierte stand schüchtern in ärmlicher, nicht charakteristischer Kleidung dabei. „Wir zwei gehen kneipen," sagte der mit dem breitrandigen Hute, „wer geht mit?" „Ich gehe auch in's Wirtshaus," sagte der mit der