Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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223 seinem Vater um den Hals und dieser, unfähig, ein Wort weiter zu sprechen, drängte den Knaben zur Treppe. Vor dem Hause stand ein einspänniger Wagen, der den neuen Lehrling und dessen Chef zum Bahnhof brachte. Rebb Mordechai sank im Wohnzimmer in seinen Stuhl; Sarah stand, mit der Schürze die Augen trocknend, am Fenster und sah ihrem Liebling, dem Goldkind, nach, so lange sie den Wagen erblicken konnte. „Es mußte sein," murmelte der alte Mann. Besser, ich entbehre die Sonne meiner Tage, den Trost meines Alters, als daß er Schaden nähme an seiner Seele!" Schweren, müden Schrittes holte er dann seinen Talmud herbei, aber es wollte nicht recht gehen mit dem „lernen". — Ein Jahr war nun verstrichen. Jede Woche brachte einen Brief in das Haus am Brunnenplatz, und es gehörte zu den Sabbatfreuden des alten Mordechai, denselben immer wiäer zu lesen. Die Nachrichten, die Gabriel von sich gab, waren knapp genug und Freude oder Befriedigung über seinen neuen Beruf konnte man denselben nicht entnehmen, ja mit einigem Scharfsinn wäre zwischen den Zeilen zu lesen gewesen, wie schwer die junge Seele sich dem veränderten Joch beugte. Aber der Vater las nur, daß Gabriel gesund sei und fromm blieb, und er dankte seinem Gotte täglich dafür, daß er ihm den Gedanken eingegeben, sein Kind schnell diesem schädlichen Einstusse zu entziehen und in die reine Sphäre eines ebenso konservativen wie soliden Handlungshauses zu verpflanzen. Eines Nachmittags nahm Sarah dem Boten einen Brief ab und brachte ihn Reb Mordechai. Sie hatte gleich bemerkt, daß die Adresse von anderer Hand geschrieben war, als von ihrem Gabriel, wenn auch der Poststempel einen Brief Gabriels vermuten ließ. Wer konnte es der treuen Person übel nehmen, daß sie sich im Zimmer zu schaffen machte, während der Empfänger langsam das Couvert öffnete. Auch innen fremde Schriftzüge?! Was mochte geschehen sein? Rebb Mordechai las lange, bis er den Sinn des Schreibens erfaßt: