Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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222 erleuchtet, so ahnte er anderswo einen Lebenspfad, der, wenn auch über Hindernisse, ihn zu einer ungekannten, von goldenem Lichte durchstrahlten Welt zu führen schien. Und Magdalena? Wenn sie wüßte, wie der Vater von der Kunst dachte, die sie ihn, Gabriel, lieben gelehrt! Und doch, Magdalena hatte Recht, nicht der Vater: man ehrt seinen Gott nicht besser, wenn man der Schönheit die Sinne verschließt. So ward es denn Gabriel zum ersten Male in seinem Leben klar, daß sein Vater nicht^ unfehlbar sei, weder in seinen Ansichten noch in seinem Urteile. Die Pietät lehrte ihn wohl die Gründe suchen, die des alten Mannes Urteil bestärkt haben mochten, er erkannte sie, er mußte sie achten, aber er konnte sich nicht zu ihnen bekennen, und so prüfend und erwägend gelangte Gabriel zu einem Standpunkte, der ihn in seiner Ueberzeugung frei, dem Vater gegenüber duldsam machte. Nur leider hatte der innerlich errungene Standpunkt vorläufig noch keinerlei Einfluß auf das äußere Leben des Knaben. Was nützte es ihm, sich in Gedanken schon von manchem befreit zu haben, das ihm vor Kurzem noch unbezwingbar, ja notwendig erschienen war, fehlte ihm doch die Macht, auch nach außen hin die Fesseln abzustreifen. Eines Tages, seine Haft hatte schon eine Woche lang gedauert, schien es ihm, als sei die alte Sarah, da sie ihm sein Mittagbrot brachte, noch wehmütiger und mehr zu Thränen geneigt als sonst. Ein ernstes Verbot mußte ihr die Zunge gesiegelt haben, denn sie begnügte sich, ihrem Liebling schmeichelnd über die dunklen Locken zu fahren. Dann brach sie in heftiges Weinen aus und lief schnell zur Thüre hinaus. Was sollte das bedeuten? Gabriel blieb nicht lange Zeit, darüber zu sinnen, denn bald darauf trat der Vater in's Zimmer, gefolgt von einem älteren Mann. „Gabriel, dies ist Dein zukünftiger Chef. Ich hoffe. Du wirst mir keine Schande machen, ein braver Mann — ein tüchtiger Kaufmann werden — und nun geh mit Gott!" Reb Mordechai hatte die Worte mit rauher Stimme hervorgepoltert und legte jetzt seine Hände segnend auf das Haupt des Knaben. Gabriel wußte nicht, wie ihm geschah. In der Thür erschien Sarah mit einem Reiseköfferchen, die beiden Männer schüttelten sich die Hände, Gabriel fiel schluchzend