Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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221 Das ist, ein lotteriges Vagabundenleben führen, das heißt keine Tephilin legen, keinen Schabbes halten und essen und trinken ohne Wahl und dabei Götter malen und Heiligenbilder! Großer Gott, wie danke ich Dir, daß es Dir in Deiner Weisheit gefallen hat, mein Weib zu Dir zu nehmen, so ist es ihr erspart geblieben, diese Schande zu erleben!" — Und wie niedergeschmettert von der Wucht all dessen, was er erfahren hatte und noch kommen sah, sank der alte Mann in einen Stuhl. — Der Knabe kniete an seiner Seite nieder und umfaßte den starr und regungslos Dasitzenden. „Vater, sprich nicht so harte Worte. Wenn meine Mutter lebte, sie hätte sicherlich mit mir gebeten, daß ich nicht immer nur aus den alten Büchern lernen muß, sondern daß ich auch" — „Nun ist's genug," rief auffahrend der Alte. — „Willst Du Deinen Vater und das Andenken Deiner Mutter höhnen?" Hast Du auch schon vergessen, daß es heißt: „Du sollst Vater und Mutter ehren." — Weit ist's mit Dir gekommen, wahrlich! Hinter meinem Rücken ist Unkraut gesäet worden und die Saat ist aufgegangen; doch es soll noch nicht zu spät sein, ich will sie vernichten und Gott soll mir helfen." Zitternd vor Aufregung, mit fliegendem Atem, bemächtigte er sich jetzt des Stiftes, zerbrach ihn, zerriß die Zeichnung in Stücke und mit hartem Griffe faßte er dann die Hand des lautlos dastehenden Knaben und führte ihn in die Schlafkammer. „Das Zimmer verläßt Du nicht, bis ich Dich hole. Denke nach über das Leid, das Du mir angethan!" Damit schlug er die Thüre in's Schloß und abermals rannen große Thränen über seine gefurchten Wangen in den grauen Bart. — Die Tage der Gefangenschaft, die nun für Gabriel folgten, konnten ihm als ebenso viele Wochen erscheinen, denn er blieb vollständig allein, sich selbst und seinen sich allmählich klärenden Gedanken und Empfindungen überlassen, die in ihm wogten, wie vom Sturme gepeitscht. Bald bäumte sich sein Trotz auf gegen den Willen des Vaters, bald fühlte er sich wieder durch die Pflicht in die Bahnen des kindlichen Gehorsams gedrängt. Während er hier die gerade, eintönige Straße sah von dem milden Scheine väterlicher Fürsorge