Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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219 gegenüberliegenden Seite einen Blick auf die Fenster seiner Wohnung warf und dort den Kopf seines Knaben sah, der vermutlich in irgend ein Buch vertieft war, denn er blickte nicht auf, da überflog das Antlitz Reb Mordechai's ein Strahl von Glück und Stolz. „Gott erhalte ihn mir nur gesund und fromm und fleißig," dachte er, als er die Treppen Hinaufstieg und leise die Thür des Wohnzimmers öffnete. Dort saß Gabriel in der Nische des Fensters, die sein Lieblingsplatz zu sein schien, und aus den Knieen hielt er, nicht wie sein Vater vermutet hatte, einen Band aus der hebräischen Bibliothek, sondern ein Reißbrett, darauf nahezu vollendet eine Zeichnung der Büste des Apollo aufgespannt war. Er hielt den Stift in der Hand, nicht ahnend, daß der Vater so nah war, und daß seinem stillen Fleiße, seinen schüchternen Träumen mit einem Mal ein Ende gemacht werden sollte. Der Ausdruck von Zufriedenheit schwand aus dem Gesichte des alten Mannes, als er im Eintreten bemerkte, daß es kein Buch war, mit dem Gabriel sich beschäftigte. Mißtrauen war es, das aus seinen Zügen sprach, während er langsam, vorgestreckten Kopfes sich unbemerkt dem Zeichnenden nahte, das sich aber in heftigen Zorn verwandelte, nachdem er unter den buschigen Augenbrauen hervor einen forschenden Blick auf die Arbeit des Knaben geworfen hatte. „Was soll das bedeuten?" schrie er. Zu Tode erschrocken blickte Gabriel aus. Als er den Vater in Wut vor sich stehen sah, entsanken Zeichnung und Stift seinen kraftlos gewordenen Händen. Der Alte bückte sich danach, hielt Gabriel das Brett so dicht vor die Augen, daß dieser zurückfuhr und schrie abermals: „Was soll das bedeuten, ftag ich Dich? Wer hat Dich geheißen, Deine Zeit mit solchem Geschmier zu vergeuden, und wer hat es Dich gelehrt? Den soll doch der Zorn —" Gabriel, der auf die rasch hervorgestoßenen Fragen keine Antwort gegeben, fiel jetzt dem Vater, ehe er den begonnenen Satz vollenden konnte, ins Wort: „Fluche ihr nicht, Vater! Ich bin ihr dankbar dafür, daß sie mich gelehrt hat" — „Wer ist sie? Wer hat Dich gelehrt?" — „Magdalena lehrte mich die schönen Züge des griechischen Gottes-"