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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 218

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Ein Schwächling
Date
1902-01-01
Page
Seite 218 (sequence 9)
Language
German
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218 Köpfchen gezeichnet; nur wenige ungelenke Striche, aber in unverkennbarer Aehnlichkeit die Züge Magdalenens. Als er sich entschuldigte, das Blatt verdorben zu haben, nahm Magdalena die Zeichnung, betrachtete sie, und sagte dann in ihrer ruhigen Weise: „Sie haben entschiedenes Zeichentalent, Gabriel; Sie sollten es pflegen." Dunkelrote Glut der Ueberraschung, der Freude und Beschämung überflog das Antlitz des Knaben. „Glauben Sie, glauben Sie wirklich, daß ich im Stande wäre, jemals Aehnliches zu leisten?" — und er deutete auf die Mappe, die aufgeschlagen vor chm lag. „Nun, nun, nicht so hitzig, es hat auch Künstler gegeben, die, ohne Dürer und Rembrandt zu sein, dennoch glücklich waren in ihrem Schaffen. Vor allem müssen Sie lernen." Da Magdalena sich bereitwillig dazu erbot und Gabriel begeistert zustimmte, so wurde gleich eine Unterrichtsstunde festgesetzt, in welcher sich Lehrerin und Schüler in der Folge als gleich tüchtig und ausdauernd erwiesen. Gabriel machte bald sichtliche Fortschritte und freute sich derselben; er wäre aber noch froher gewesen, wenn sein Vater darum gewußt hätte, doch er wagte nicht, ihm von seiner entdeckten Befähigung zu sprechen, denn er wußte nur zu genau, wie der Vater über alles dachte, was nicht Talmud hieß oder ein Geschäft war. Dennoch fingen an in Gabriel Gedanken rege zu werden, die ihn schaudern machten, vor der Vorstellung, sein ganzes Leben hinter toten Folianten verbringen zu müssen und sich mit Auslegungen und deutelnden Wortgefechten zu beschäftigen, während es doch Leben und Schönheit in der Welt giebt. Derartige Betrachtungen, die er anfangs fast unbewußt machte, trugen eben nicht dazu bei, ihn für seine Lehrstunden in der Talmudschule aufmerksamer und eifriger zu machen und gerade jene Zerstreutheit und vorkommende Lässigkeiten waren es, die der Vater bemerkte, und die ihm zu denken gaben. An einem schönen Maienabend trat der Alte nach beendigter Schule wieder den Heimweg an. Nachdenklich, gebeugten Hauptes, die Hände auf dem Rücken gefaltet, schritt er einher. Als er auf dem Brunnenplatz von der

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