Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 217 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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217 Denken und Urteilen anregen sollen, da er nichts kannte, als Haus und Schule, da alle Menschen, mit denen er verkehrte, von den gleichen religiösen und allgemeinen Anschauungen durchdrungen waren? Damit ist aber noch nicht gesagt, daß Gabriel, so weit dies von einem Wesen, das noch halb ein Kind ist, gelten kann, sich glücklich fühlte. Das schwer drückende Gefühl, das ihn oft beschlich, die unerklärliche Sehnsucht nach Etwas, das er nicht nennen konnte, er führte sie zurück auf seine Einsamkeit, darauf, daß er nicht Mutter, nicht Geschwister hatte. Die an jenem Winterabende so plötzlich gemachte Bekanntschaft mit dem Musiker und dessen Tochter bezeichnete für Gabriel einen Abschnitt seines Lebens. Er war zum ersten Mal mit Menschen zusammengekommen, die anders dachten als sein Vater, und darum doch nicht schlechter schienen. Reb Mordechai erfuhr nicht, aus welche Weise Gabriel mit den Nachbarn bekannt geworden war, und er nahm auch anfangs die Thatsache als eine ziemlich gleichgiltige entgegen, denn er ahnte nicht, von welcher Tragweite sie sein würde. Gabriel mochte fühlen, daß sein Vater nicht wissen dürfe, wie tief der Eindruck gewesen, den er empfangen, und wie sehr der neue Umgang ihm schon Bedürfnis geworden, denn ohne ihm direkt hintergehen zu wollen, richtete er seine Besuche drüben immer so ein, daß der Vater zur selben Zeit nicht zu Hause war. Mit dem Momente aber, da er über die Schwelle seiner neuen Freunde trat, fühlte er sich wie in einer anderen Atmosphäre. Er hatte einmal irgendwo gelesen, es gäbe eine Luftart, wenn man in diese ein Vögelchen sperre, dann flöge es doppelt so lustig und schmettere seinen Sang doppelt so hell und froh — nur müßte es bald sterben. Aehnlich meinte er sich zu fühlen, wenn er zuhörte, wie Sebastian Hiller spielte, Magdalena sang, oder wenn er in den zahreichen Bildermappen blättern durfte, die den Schatz des Hauses bildeten. Wie zitterte er für das Fortbestehen dieser Wonne! Einmal saß er auch Magdalenen gegenüber und lauschte ihren Worten, die die Erklärung zu den verschiedenen Kupferstichen gaben. Spielend hatte er einen Bleistift zur Hand genommen und auf den Rand eines Blattes ein kleines