Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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216 War es Sünde, sich der Schönheit zu freuen? Hätte Gott die Schönheit geschaffen, wenn der Mensch sich ihrer nicht in jeglicher Gestalt freuen dürfte? Warum mußte er immer in fremder Sprache beten und sind jene Menschen schlechter, die nach freiem Bedürfnisse, jeder in seiner Weise, zu Gott beten? — Ganz klar wurden Gabriel an jenem Abende weder die Vorstellungen noch die Fragen, die sich ihm aufdrängten, als Folge jenes einzigen Einblickes in ein Kultur- und Geistesleben, dem er bisher absichtlich fern gehalten worden war. Bis weit über die Träume einer Nacht verfolgte ihn die Erinnerung an den Apoll und die blonde Madonna, die so schön sang, und ganz gerechtfertigt war das besorgte Kopfschütteln Rebb Mordechais, als er später hörte, wie Gabriel im Schlafe wirre, unverständliche Dinge sprach. Monate waren vergangen. Nach wie vor ging Rebb Mordechai seinen verschiedenen Berufsgeschäften, als Vorsteher der Gemeinde, als Lehrer der Talmudschule nach, doch wer ihn kannte, mußte bemerken, daß ihn seit kurzem Etwas nicht nur beschäftigte, sondern auch schwer bedrückte. Dieses Etwas war die Zukunft seines Sohnes, sein Stolz, seine Hoffnung. Er hatte Gabriel von dessen ersten Lebensmomente an zum Rabbiner bestimmt und seine ganze Erziehung dahin zielend geleitet. Bis zu seinem zwölften Jahre war der Knabe in eine jüdische Volksschule gegangen und seit seinem Austritte aus derselben wurde seine ganze Zeit oft mit Zuhilfenahme der Nacht talmudischen Studien gewidmet. Ob das mit der Neigung des Knaben übereinstimme, unterzog man keiner Frage, denn welcher Beruf, welche Beschäftigung wäre befriedigender und so gottgefällig gewesen als das Studium des Talmud? Noch lange, nachdem Gabriel das dreizehnte Jahr und somit die moralische Mündigsprechung erlangt hatte, war er fügsam geblieben, war willenlos den Bestimmungen^ und Anordnungen seines Vaters gefolgt, und hatte sich die größte Mühe gegeben, den Ansprüchen seiner Lehrer zu genügen. Zweifel über die Notwendigkeit und Zweckdienlichkeit seines Studiums waren ihm nie aufgestiegen, da er nie darüber nachgedacht hatte; und was hätte ihn zum Vergleichen, zum